Katastrophenschutzübung auf Fehmarn

Szenario: Simulierter Deichbruch

30.08.2026, 19:43 Uhr
Von:
Fehmarnsches Tageblatt

Diesen Artikel teilen
Sandsack-Logistik ist Teamwork, das trainiert werden muss.

Sandsack-Logistik ist Teamwork, das trainiert werden muss. © Eckhard Kretschmer

Bei einem groß angelegten Szenario haben Hunderte Retter am Sonnabend (29. August) auf Fehmarn die gesamte logistische Kette für den Krisenfall trainiert. Das Spektrum reichte von der ersten Lagebewertung über die Deichverteidigung bis hin zu Evakuierungen und der Versorgung von Betroffenen. Im Fokus des Trainings standen insbesondere der reibungslose Ablauf der Kommunikation und die Koordination der Führungsebene.

Auf dem städtischen Bauhof wurde das effektive Befüllen, Stapeln und Verladen von Sandsäcken geübt.

Auf dem städtischen Bauhof wurde das effektive Befüllen, Stapeln und Verladen von Sandsäcken geübt. © Eckhard Kretschmer

Auch das richtige Arbeiten mit Sandsäcken wurde trainiert.

Auch das richtige Arbeiten mit Sandsäcken wurde trainiert. © Arne Jappe

In der Petersdorfer Sporthalle wurde eine Betreuungsstelle eingerichtet.

In der Petersdorfer Sporthalle wurde eine Betreuungsstelle eingerichtet. © Eckhard Kretschmer

Was passiert, wenn ein Unwetter mit Ostsee-Hochwasser einen Deich durchbricht und Menschen evakuiert werden müssen? Dieses Szenario haben am Sonnabend rund 300 Einsatzkräfte auf Fehmarn durchgespielt. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk (THW), Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und weitere Einheiten des Bevölkerungsschutzes trainierten dabei nicht nur die Deichverteidigung, sondern auch Führung, Evakuierung, Betreuung und Versorgung.

Die Übung war bereits am frühen Morgen angelaufen. In der Bahnhofstraße wurde im Gebäude der Stadt der Krisenstab eingerichtet. Hinter dem Gebäude stand zusätzlich eine mobile Einsatzzentrale. Bürgermeister Jörg Weber, Bürgervorsteher Holger Micheel-Sprenger und Landrat Timo Gaarz ließen sich dort von Kreisbrandmeister und Kreiswehrführer Michael Hasselmann über die Übungslage informieren. Zuvor hatte im Gebäude Kim Schneider, Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Westfehmarn, das Szenario der fiktiven Ausgangslage erläutert. Das Szenario war bewusst realitätsnah angelegt: An der Westküste der Insel war es zu einem fiktiven Deichbruch gekommen. In der Folge musste damit gerechnet werden, dass Bereiche überflutet und Menschen evakuiert werden müssen. In der Führungszentrale wurden die Entwicklung der Lage, verfügbare Einsatzkräfte, notwendige Maßnahmen und mögliche weitere Gefahren fortlaufend bewertet. „Wir wissen, im Stabsraum zu üben, ist etwas anderes, als wirklich mit den Truppen zu üben“, sagte Hasselmann. Gerade deshalb sei es wichtig, die verschiedenen Komponenten des Katastrophenschutzes gemeinsam unter realen Bedingungen zu erproben. Der Kreis Ostholstein habe in den vergangenen Jahren erheblich in den Katastrophenschutz investiert. Nun gehe es darum, auch die neu beschafften und weiterentwickelten Komponenten gemeinsam einzusetzen. Für Fehmarn hat das Szenario eine besondere Bedeutung. Die Insel ist im Straßenverkehr über die Sundbrücke mit dem Festland verbunden. Bei einer größeren Schadenslage müsse deshalb frühzeitig berücksichtigt werden, wie weitere Kräfte und Material auf die Insel gebracht werden können. Bei einer sich verschärfenden Lage müssten beispielsweise Feuerwehrbereitschaften, THW oder andere Fachdienste vom Festland angefordert werden. „Wir sind wie ein gallisches Dorf – haben nur eine Brücke“, sagte Bürgermeister Weber mit Blick auf die besondere Lage der Insel. Was zunächst scherzhaft kommentiert wurde, verweist auf ein ernstes Problem der Katastrophenschutzplanung: Bei Sturm und einer möglichen Einschränkung der Verkehrswege muss die Einsatzleitung frühzeitig überlegen, welche Reserven auf der Insel verfügbar sind und wann Verstärkung angefordert werden muss.

Ein weiterer Schwerpunkt lag in Petersdorf. In der dortigen Sporthalle wurde eine Betreuungsstelle eingerichtet. Rund 30 Komparsen stellten Betroffene dar, die wegen des angenommenen Deichbruchs evakuiert worden waren. Für die Einsatzkräfte bedeutete das, wie der stellvertretende Kreisbereitschaftsleiter des DRK, Janis Huth, erläuterte, weit mehr als die bloße Unterbringung von Menschen. Die Betroffenen wurden registriert und nach persönlichen Daten, Beruf und besonderen Bedürfnissen gefragt. Auch der Bedarf an Medikamenten wurde erfasst. Feldbetten, Sitzmöglichkeiten, Getränke und Verpflegung standen bereit. Auch eine Frau mit Hund musste besonders betreut werden, ebenso Menschen ohne Deutschkenntnisse und verwirrte, unter Schock stehende Personen.

Die Betreuungsgruppe des Katastrophenschutzes übte außerdem die soziale Betreuung der Betroffenen. Für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf wurden Rückzugsmöglichkeiten durch Trennwände geschaffen. Gemeinsam mit Kräften der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) werden im Ernstfall auch Bereiche für vertrauliche Einzelgespräche vorbereitet. Auch das Thema Selbsthilfe wurde in der Halle berücksichtigt. Die Betroffenen sollten – soweit möglich – selbst in die Organisation ihrer Unterbringung einbezogen werden. Das kann beispielsweise bedeuten, dass Familien gemeinsam einen geeigneten Bereich einrichten oder Menschen mit geringem Unterstützungsbedarf bei einfachen Aufgaben mithelfen.

Am Strandübergang Bojendorf übten die Einsatzkräfte am Deich verschiedene Maßnahmen zur Schadensabwehr. Mandus Freese, Ortsbeauftragter des THW-Ortsverbands Eutin und THW-Fachberater, erläuterte die Deichverteidigungsmaßnahmen.

Zum einen ging es um eine sogenannte Quellkade. Dabei wird austretendes Wasser kontrolliert aufgefangen und der Wasserdruck so beeinflusst, dass die Schadstelle gesichert werden kann. Zum anderen wurde eine Deichfußsicherung geübt. Droht ein Deichkörper abzurutschen, kann er am Fuß mit Sand-

säcken beschwert und so stabilisiert werden. Dabei kommt es nicht nur auf die Technik an. Auch das richtige Arbeiten mit Sandsäcken muss trainiert werden. Entscheidend seien die richtige Füllmenge, das schonende Tragen und eine möglichst effiziente Arbeitsweise, erklärte Freese.

Am Deich waren nach seinen Angaben 69 Kräfte eingesetzt. Er verwies dabei auch auf die Belastung bei länger andauernden Hochwasserlagen. Deichverteidigung sei ausgesprochen personalintensiv. Je länger ein zu sichernder Abschnitt werde, desto mehr Helfer würden benötigt. Deshalb müsse die Einsatzleitung von Beginn an auch Ablösungen und Reserven einplanen sowie Freiwillige aus der Zivilbevölkerung integrieren.

Ein Aspekt der Übung war damit die Frage, wie mit Menschen umgegangen wird, die im Katastrophenfall spontan helfen wollen. Gerade bei großen Hochwasserereignissen könne die Bevölkerung eine wichtige Unterstützung sein, sagte Freese. Die Erfahrung aus früheren Schadenslagen zeige aber auch, dass freiwillige Helfer koordiniert werden müssten. „Kommunikation ist ganz wichtig“, lautete eine zentrale Aussage. Menschen, die helfen wollten, müssten konkrete Aufgaben bekommen und von erfahrenen Einsatzkräften angeleitet werden. Sonst bestehe die Gefahr, dass Helfer sich unkoordiniert einsetzten oder sich nicht gebraucht fühlten. Eine wichtige Rolle spiele bei der Deichsicherung die Logistik. Sand muss herangeschafft, Sandsäcke müssen gefüllt und anschließend an die jeweiligen Schadstellen transportiert werden. Deshalb wurden die örtlichen Möglichkeiten auf Fehmarn in die Übung einbezogen: Auf dem städtischen Bauhof wurde das Befüllen, Stapeln und Verladen von Sandsäcken geübt. Im Ernstfall, so die Einsatzleitung, müsse zum Transport derselben dann auch auf zivile Lkw zurückgegriffen werden.

Landrat Timo Gaarz bezeichnete die Übung als wichtiges Signal. Mehr als 300 Einsatzkräfte seien auf der Insel zusammengezogen worden, damit im Ernstfall nicht nur theoretische Konzepte vorlägen, sondern die Abläufe tatsächlich erprobt seien. „Das Wichtigste ist nicht nur am Brett zu sitzen, sondern tatsächlich zu üben“, sagte Gaarz.

Gerade die Kommunikation zwischen den beteiligten Stellen sei entscheidend. Aus vergangenen Schadenslagen wisse man, dass nicht allein die technische Bewältigung eines Ereignisses eine Herausforderung sei, sondern auch die gemeinsame Lagebewertung und Krisenkommunikation.

Bürgervorsteher Holger Micheel-Sprenger verwies ebenfalls auf die Bedeutung der Übung für die Bevölkerung. Es sei wichtig, sichtbar zu machen, dass der Bevölkerungsschutz organisiert sei und funktioniere. Die Übung sei zudem über einen längeren Zeitraum vorbereitet worden.

Am Ende des Übungstages wurden die Teilnehmer in Bisdorf verpflegt. Auch die Verpflegung war Bestandteil des Gesamtkonzepts: Bei einer größeren Schadenslage müssen nicht nur Betroffene, sondern auch die eingesetzten Kräfte über längere Zeit versorgt werden. Die Übung auf Fehmarn war damit weit mehr als eine Demonstration von Feuerwehrfahrzeugen und Sandsäcken. Trainiert wurde eine komplette Kette: von der ersten Lagebewertung über Führung und Kommunikation bis zur Deichverteidigung, Evakuierung, Registrierung, Betreuung, Logistik und Versorgung.

Dass gerade Fehmarn als Übungsort ausgewählt wurde, hat dabei einen besonderen Hintergrund. Die Insel verbindet die typischen Herausforderungen einer Küstenlage mit der zusätzlichen Frage, wie bei einer sich verschärfenden Situation schnell ausreichend Personal und Material vom Festland herangeführt werden können.

Bürgermeister Weber dankte den Verantwortlichen, dass Fehmarn für diese Übung ausgewählt worden sei. Auch dankte er allen Teilnehmern der Übung. Sie zeige der Bevölkerung, dass man auf mögliche Katastrophenszenarien gut vorbereitet sei.

Anzeige Werbeagentur Eutin

Meistgelesen

Oldtimer nehmen Kurs auf Burg Fehmarn

Oldtimer nehmen Kurs auf Burg

Für Autoliebhaber, Freunde historischer Fahrzeuge, Traktoren und sonstiger landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge, aber auch Busse und Youngtimer...

Reinhard Gamon
Scheune stand in Vollbrand: 200.000 Euro Schaden Fehmarn

Scheune stand in Vollbrand: 200.000 Euro Schaden

Schrecken in der Nacht: Um kurz vor 2 Uhr am gestrigen Freitag wurden die Freiwilligen...

Volker Graap
Fehmarn-Marathon übertraf alle Erwartungen Fehmarn

Fehmarn-Marathon übertraf alle Erwartungen

Der jüngste Fehmarn-Marathon übertraf alle Erwartungen. Rund 1400 Läuferinnen und Läufer hatten sich bei der...

Reinhard Gamon