Osterfriedhof entpuppt sich vom Erinnerungs- zum Lebensraum
Summ-Summ-Sandarium: Die neue Sandhaufen-WG kann einziehen!
07.07.2026, 20:14 Uhr
Von:
Lotta Schneider
der reporter Plön/Preetz
Ein Erinnerungs- als Lebensraum: Der Plöner Osterfriedhof entpuppt sich zum kommoden Schlupf-Stübchen. Das mit NABU-Knowhow fachlich abgesegnete Sandarium haben die Plöner Rotarier in ehrenamtlicher Arbeit mit der Friedhofsverwaltung gestaltet.
Sie alle haben im Schulterschluss die Ärmel hochgekrempelt: Der Plöner Rotary Club macht sich im Schulterschluss mit Kirchengemeinde und Friedhofsverwaltung für die Insekten stark. So ist jetzt auf dem Osterfriedhof ein schickes Sandarium bezugsfertig für die nächste Wildbienengeneration. Die neue Sandhaufen-WG kann einziehen. Ihr Job als künftige Mieter: Den Besuchern ihre lebendige Vielfalt nahebringen, Verständnis für ihre Lebenskreisläufe, für Bio-Logie im besten Sinne. An einem Ort der Erinnerungskultur mit weniger Gräbern, dafür mehr Platz für Natur, genau das Richtige.
So dachten es sich der ehrenamtliche Umweltbeauftragte der Stadt Plön Ludwig Askemper und Friedhofsverwalter Torsten Bieler als Initiatoren. Die Plöner Kirchengemeinde hat sie unterstützt und freut sich über das Ergebnis zugunsten der Schöpfung: „Friedhöfe unterliegen immer weniger der klassischen Nutzung“, sagt Matthias Kohlhardt vom Kirchengemeinderat. „Da ist es toll, dass der Kreislauf sich schließt und das hier so erlebbar wird.“
Künftig sollen Sitzplätze Groß und Klein zum gemütlichen Verweilen am summenden Sandarium einladen. Dazu werde es eine Infotafel mit QR-Code geben, über die verschiedene Auskünfte zum Thema abgerufen werden können.
Die Plöner und andere, die dieses Örtchen der Stille toll finden, könnten sogar direkt in die Rolle des Trendsetter schlüpfen: Während große und kleine „Birding“-Begeisterte vielerorts mit Fernglas und downgeloadeter Vogel-App beglückt in die Natur ausrücken und ihrem schönen Hobby frönen, könnte nach aktuellen Gepflogenheiten denglischer Begriffsfindung gemeinschaftliches Erleben mit tollen Natur-Akzenten die große Welle am Plöner Schöhsee machen. Wie wärs mit „Intensive Insecting“, „Bee Watching“ oder gar einem still- und leisen „Easter-Church Sand-Lizarding“, um gemeinsam den Zaun-Eidechsen hinter der Osterkirche auf die Spur zu kommen?
Denn nebst Sandarium und einer Wärme speichernden Trockenmauer haben die engagierten Rotary-Helfer auch noch eine schicke Eidechsenburg errichtet. Und Ludwig Askemper hat die erste Eidechse sogar schon gesichtet. Wer mit der gebotenen Zurückhaltung das Burgareal leise umschleicht – und schließlich ist es ja ein Friedhof –, wird die scheuen Tiere ebenfalls entdecken können. So ist der spannende und zugleich entspannende Ort eigentlich auch perfekt für gepflegte Meditation und ein guter Impuls, sich von der häuslichen Matte herunter und zum schönen Osterfriedhof hinzubewegen. Am besten mit Fernglas, Stüllchen und Teekanne.
Friedrich Eggers hatte sich als Präsident des Rotary Clubs 2025 mit den Mitgliedern bereit erklärt, das Sandarium auch weiterhin als Patenschaftsprojekt zu begleiten. „Wir hatten uns gedacht, dass es etwas Gutes schafft“, so Eggers, „und wenn das einmal im Jahr gepflegt werden muss, dann fassen wir mit an.“ Dabei werde es vor allem darum gehen, die Sandfläche frei von Bewuchs zu halten.
Insgesamt war die Investition überschaubar: Zwar wurden der Kies mit lehmigen Anteilen für die nötige Festigkeit geliefert sowie ein paar Pfähle und ein Staketenzaun gekauft. Aber auch viel Vorhandenes hat sich für das Sandariumprojekt gut nach dem Kreislaufprinzip verwerten lassen: Bruch und Reste von Grabsteinsockeln, trockenes Totholz und halbmorsche Stubben, aussortierte Steinplatten zählen dazu.
Der Aushub der Sandariumsfläche wölbt sich nun zur Eidechsenburg, fast wie ein Hügelgrab. Die Fläche selbst liegt in dem durch mageren Boden besonders geeigneten Areal frei zur Besiedlung. Die mit Steinplatten und Grassoden errichtete kleine Trockenmauer sorgt als Windfang für ein noch wärmeres Mikroklima, als die sonnenausgerichtete Geländeneigung das ohnehin zulässt. Lavendel und blühende Goldfetthenne heben sie als bienenfreundlich gestaltetes Detail heraus, ein Eckchen, an dem sich jetzt schon kleine Hummeln tummeln.
Das Lebensraumrezept mit komprimiertem Ödlandcharme besteht also letztlich aus nur wenigen Komponenten. Aber die haben es in sich. Oder werden es künftig in sich haben: Kleine (harmlose) Bewohner, die für ihre Larven Löcher in das alte Totholz bohren (oder vorhandene ausbauen), die warme Trockenmauerfugen besiedeln und mit Emsigkeit auf sandigen Flächen buddeln, wenn ihre Zeit im Jahr gekommen ist. Das tun bestimmte Mini-Tiefbauarchitekten, um ihren verpuppten Nachkommen ein paar Zentimeter tiefer ein gemütliches Stübchen bis zum Schlupf zu zimmern.
Jeder könnte viel mehr für alle diese Tiere tun, wissen die Initiatoren, weiß der Rotary-Club, denn Sandarien können auch im kleinen Maßstab nützen und Gärten bereichern, sofern konventionelle Schönheitsvorstellungen abgestreift werden. Wer sich davon verabschiedet, fördert die Welt der Kleinen. Biene Maja und Flip, ihr Freund, lassen grüßen. NABU-Umweltberater Carsten Pusch weiß: hier wurde für Wirbellose ein Paradies geschaffen, das jedes Bienenhotel, zumal die nach seinem Urteil „funktionsbefreiten“ handelsüblichen, in den Schatten stellt.
Für viele Wildbienen ist das Sandarium ein willkommenes Angebot: „70 Prozent der Wildbienenarten leben oder graben Gänge in den Boden“, hebt Carsten Pusch hervor. Es geht also um 70 Prozent der rund 300 Wildbienenarten, die in Schleswig-Holstein leben. Noch leben.
Aber auch Weg- oder Grabwespen könnten sich ansiedeln, vielleicht sogar Töpferwespen, hofft Carsten Pusch. Deren Name ist Programm: Die Tiere bauen kleine Amphoren, die mit Ei und Proviant für die Larve festgeklebt werden. Der Friedhof: Ein Ort, der Leben schafft.