Gespräch beim ambulanten Pflegedienst der Tabea-Diakonie

Sozialministerin Aminata Touré besucht Fehmarn

23.07.2026, 10:45 Uhr
Fehmarnsches Tageblatt

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Sozialministerin Touré am Mittwoch im Gespräch mit Mitarbeitenden des mobilen Pflegedienstes Tabea. Im Mittelpunkt standen aktuelle und zukünftige Herausforderungen im Bereich der Pflege.

Sozialministerin Touré am Mittwoch im Gespräch mit Mitarbeitenden des mobilen Pflegedienstes Tabea. Im Mittelpunkt standen aktuelle und zukünftige Herausforderungen im Bereich der Pflege. © Kretschmer

Die Herausforderungen der Pflege auf den Inseln Schleswig-Holsteins besser verstehen – das ist das Ziel von Sozialministerin Aminata Touré (Bündnis 90/Die Grünen) auf ihrer Sommertour.

Am Mittwochvormittag machte die Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung Station beim mobilen Pflegedienst Tabea in Burg. Im Mittelpunkt des Gesprächs mit den Mitarbeitern standen nicht nur Pflegeleistungen, sondern vor allem die Frage, wie ältere Menschen in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft gut begleitet werden können.

Insellage als besondere Herausforderung für Pflege

„Ich finde es als schleswig-holsteinische Ministerin wichtig, was auf den Inseln passiert. Wie ist die Situation vor Ort? Welche besonderen Herausforderungen hat man dadurch?“, fragte Touré zu Beginn des Gesprächs mit den Mitarbeitern. Schnell wurde klar: Pflege bedeutet aus Sicht der Ministerin weit mehr als medizinische Versorgung.

Ein zentraler Punkt des Austauschs war die zunehmende Einsamkeit älterer Menschen – gerade in ländlichen Regionen und auf Inseln, wo Angehörige oft auch weit entfernt „auf dem Kontinent“ leben.

„Wir haben uns genau deshalb auch auf den Weg gemacht, um eine Studie auf den Weg zu bringen zum Thema Einsamkeit von Menschen in der Gesellschaft in Schleswig-Holstein“, erklärte Touré. Viele Menschen seien einsam, weil Kinder und Familien nicht mehr in der Nähe lebten und soziale Kontakte schwieriger würden.

Touré: Angebote für ältere Menschen, damit soziale Teilhabe möglich bleibe

Die Ministerin machte klar, dass Pflegekräfte dabei häufig eine besondere Rolle übernehmen. Pflege könne deshalb nicht nur über Minuten, Leistungen und Abrechnungen betrachtet werden. Es brauche zusätzliche Angebote für ältere Menschen, damit soziale Teilhabe möglich bleibe.

Touré verwies in diesem Zusammenhang auf geplante Unterstützung für Ehrenamt und Seniorenpolitik. „Wir haben jetzt 250000 Euro im Bereich Ehrenamt und Seniorenpolitik für nächstes Jahr und für die Folgejahre auf den Weg gebracht“, sagte sie. Dadurch könnten Strukturen unterstützt und bestehende Angebote ergänzt werden.

Konkrete Alltagshilfe und sozialer Kontakt

Von den Tabea-Mitarbeiterinnen kamen eindrückliche Schilderungen aus dem Alltag des Pflegedienstes. Sie machten auch deutlich, dass ambulante Pflege nicht nur aus praktischen Tätigkeiten besteht. „Es ist wichtig, dass der Fußboden gesaugt ist. Aber eben noch viel wichtiger ist die Kommunikation mit den Menschen selber“, hieß es aus dem Team.

Pflege- und Haushaltshilfen seien oft diejenigen, die am häufigsten Kontakt zu Menschen am Lebensende hätten. Besonders deutlich wurde der Konflikt zwischen Zeitdruck und Menschlichkeit: „Da ist manchmal die Tasse Tee genau das Wichtigere. Und nicht der gesaugte Fußboden.“

Touré stimmte zu: Pflege müsse beide Ebenen berücksichtigen – die konkrete Hilfe im Alltag und den sozialen Kontakt. Knapp 60 Mitarbeiter versorgen auf der Insel und im angrenzenden Festlandbereich 374 Kunden. Doch die eigentliche Herausforderung ist die Geografie. „Wir haben Fahrzeiten von bis zu 45 Prozent“, erfährt die Ministerin. Zum Vergleich: In Hamburg sind es nur 15 bis 20 Prozent.

Herausforderungen durch Insellage und Infrastruktur

Der Grund: die Insellage, der stockende Verkehr durch die Bauarbeiten am Fehmarnbelttunnel und dazu die saisonalen Staus zwischen den Dörfern und Burg. Kommt ein Sturm auf, ist die Insel praktisch abgeschnitten: Der Hubschrauber landet nicht, ein umgestürzter Lkw blockiert die Zufahrt. Und dann?

Dann bleibt nicht nur der Rettungsdienst an Fehmarns zwei Stützpunkten, Hilfe vom Festland oder Transporte mit dem Rettungswagen verzögern sich, und auch die generelle medizinische Grundversorgung durch die Pflegedienste ist maximal erschwert.

„Man muss neue Systeme finden“

Sozialministerin Touré zeigte Verständnis für diese besonderen Bedingungen auf Fehmarn und im ländlichen Raum generell. Schleswig-Holstein müsse sich darauf einstellen, dass sich die Altersstruktur weiter verändert. „Wir werden den Bedarf, den es gibt im Bereich Pflege, in Zukunft nicht mehr komplett über ambulante Pflege abdecken können. Das ist einfach utopisch“, sagte sie.

Aus ihrer Sicht müsse deshalb breiter gedacht werden: „Man muss neue Systeme finden.“ Dabei könne ein Blick ins Ausland helfen – etwa auf andere Modelle wie Pflege-WGs oder stärkere Nachbarschaftshilfe.

Interessiert zeigte sich die Ministerin an besonderen Angeboten der Pflegeeinrichtung für ihre Mitarbeiterinnen. Der Pflegedienst ermöglicht unter anderem eine frühe Kinderbetreuung, damit Beschäftigte ihre Touren beginnen können.

So profitiere der Betrieb davon, weil mehr Menschen morgens zur Verfügung stünden. Touré war beeindruckt von dieser praktischen Lösung: „Früher gab es sowas nicht und das war ein absoluter Genickbruch“, sagte sie mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wie kann Pflege in Zukunft funktionieren, wenn immer mehr Menschen Unterstützung benötigen?

Am Ende des Gesprächs blieb vor allem eine Frage stehen: Wie kann Pflege in Zukunft funktionieren, wenn immer mehr Menschen Unterstützung benötigen? Touré sieht darin eine der großen gesellschaftlichen Aufgaben der kommenden Jahre.

Neben professioneller Pflege brauche es auch neue Formen des Zusammenhalts. „Wir brauchen für beides ganz klare Angebote“, sagte sie.

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