NABU zeichnet Familie Bethge aus Heikendorf aus

Schwalbenglück im Neubaugebiet

17.08.2026, 08:43 Uhr
Von:
PROBSTEER

Diesen Artikel teilen
Ein sichtbares Zeichen für gelebten Artenschutz: Martina Ikert (r.) vom NABU Kiel überreicht Birgit Bethge die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“.

Ein sichtbares Zeichen für gelebten Artenschutz: Martina Ikert (r.) vom NABU Kiel überreicht Birgit Bethge die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“. © Markus Münch

Familie Bethge überlässt ihren Balkon freiwillig einer gefährdeten Vogelart. Dafür zeichnet der NABU ihr Haus in Heikendorf aus.

Es zirpt und piept über den Dächern. Dunkle Silhouetten schießen um die Hausecke, steigen auf, drehen ab und jagen dicht über Nachbarhäuser und Wiesen. Es sind so viele, dass sie kaum zu zählen sind. „Ich bin echt überrascht“, sagt Martina Ikert vom NABU Kiel, während sie gebannt in den Himmel schaut. Mit geübtem Blick erkennt sie Rauch- und Mehlschwalben, erklärt, worin sich die beiden Arten unterscheiden. „Beide sind kleine Flugkünstler“, stellt sie anerkennend fest. „Oh ja“, stimmt Birgit Bethge schmunzelnd zu, „wir können das hier oft beobachten“.

Schwalben- das klingt nach Bauernhof, Scheune und offener Stalltür. Doch nichts davon ist hier zu sehen. Familie Bethge lebt in einem modernen Wohngebiet in Heikendorf. Ihr Haus ist erst wenige Jahre alt. Wärmepumpe, gepflegter Garten, ein Elektroauto parkt in der Hofeinfahrt. Ausgerechnet hier haben Schwalben ein Zuhause gefunden. Immerhin: die Fassade besteht aus rotem Backstein. Und in der Nähe liegt ein Regenrückhaltebecken.

Auszeichnung als „Schwalbenfreundliches Haus“

Für die gefiederten Gäste erhält Familie Bethge nun die NABU-Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“. Denn die dürfen ihr Nest direkt über dem Balkon bauen. Vor drei Jahren zog die Familie ein. Schon im folgenden Jahr machte sie eine Entdeckung: Direkt unter dem Dachvorsprung über dem Balkon hatten Schwalben begonnen, ein Nest zu bauen. „Wir waren total gerührt“, erinnert sich Bethge. „Wenn ich mir vorstelle, dass die Vögel viele Tausend Kilometer zurückgelegt haben und sich dann ausgerechnet hier bei uns niederlassen wollen.“

Dass es sich die Tiere an dieser Stelle gemütlich gemacht haben, verändert sogar den Alltag der Familie ein wenig: Der Balkon wird nicht mehr benutzt. Um die Vögel nicht zu stören, öffnen sie sogar die Balkontür möglichst selten. „Natürlich machen die Tiere etwas Dreck, aber das nehmen wir gerne in Kauf“, erzählt die Mutter von drei Kindern. Um einen Teil des Schmutzes aufzufangen, hat sie zwei ausgediente Schuhabtreter aus Kunststoff auf den Balkon gelegt. Eine einfache Lösung für ein Problem, das die Familie ohnehin gelassen sieht: „Ich möchte die Schwalben überhaupt nicht mehr missen. Die gehören schon mit zur Familie,“ erzählt sie. Man spürt, dass das von Herzen kommt. Denn die Familie liebt Tiere. Im Haus leben zwei putzmuntere Havaneser. Die Sommergäste seien mehr als willkommen. Sie sind sogar nützlich: „Wir haben spürbar weniger Mücken und Fliegen im und am Haus“, erzählt Bethge: „Und es ist spannend zu beobachten, wie die Schwalben die Insekten jagen.“

Bundesweite Aktion des NABU

Mit der Aktion „Schwalbenfreundliches Haus“ will der NABU helfen, dass dieser Trend umgekehrt wird. Bundesweit zeichnet er Menschen aus, die Schwalbennester an oder in ihren Gebäuden erhalten und die Vögel als Mitbewohner dulden. Sie erhalten eine Plakette und eine Urkunde. Bewerben können sich Hauseigentümer, bei denen Rauch- oder Mehlschwalben brüten. Weitere Informationen hierzu sind auf der Internetseite des NABU zu finden. Ikert freut sich über jedes weitere Haus, das sie auszeichnen darf. Durchschnittlich seien es in ihrem Zuständigkeitsbereich, zu dem auch Heikendorf gehört, lediglich drei bis vier Plaketten pro Jahr. Das bedeute nicht zwangsläufig, dass es in der Region nur wenige Niststellen gebe. Möglicherweise sei die Aktion bislang noch nicht bekannt genug. „Familie Bethge zeigt, dass Schwalbenschutz keine große Anlage und kein ausgefeiltes Artenschutzprojekt erfordert“, betont die Frau vom NABU. Manchmal genügen ein geeigneter Dachvorsprung und Menschen, die ein wenig Schmutz und einige Einschränkungen hinnehmen. Wo die neue Plakette angebracht wird, hat Birgit Bethge noch nicht entschieden. „Da werde ich ein schönes Plätzchen für finden,“ meint sie. „Da bin ich mir sicher“, lacht Ikert und verabschiedet sich mit einem alten Sprichwort: „Wenn Schwalben am Haus brüten, geht das Glück nicht verloren.“

Anzeige nordish Instagram

Meistgelesen

Weichenstörung schränkt Bahnverkehr ein Malente

Weichenstörung schränkt Bahnverkehr ein

Aufgrund einer Weichenstörung in Bad Malente-Gremsmühlen kommt es auf der Strecke zwischen Kiel und Lübeck...

Volker Graap
Leise Demo, klare Botschaft Heikendorf

Leise Demo, klare Botschaft

Zwei Polizisten stehen vor der Mensa der Offenen Ganztagsschule. Zu tun haben sie an diesem...

Markus Münch
„Pinsel Pixel Panorama“ im Kunst-Kiosk Heikendorf

„Pinsel Pixel Panorama“ im Kunst-Kiosk

Kurz vor dem Saisonende präsentiert der Kunst-Kiosk Heikendorf nochmal eine neue Ausstellung. Vom 7. bis...