Kürzungen vom Ministerin Prien beenden erfolgreiche Arbeit
Respektcoaches: Pädagogisches Projekt vor dem Aus
01.07.2026, 12:12 Uhr
Von:
Astrid Jabs
der reporter Eutin/Malente
Die Demokratie ist derzeit in aller Munde. Mit Blick auf die politischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen weltweit, auf ein Erstarken autokratischer Regierungsformen und die deutliche Skepsis gegenüber demokratischen Verfahren im eigenen Land wächst nicht nur die Besorgnis. Auch die Forderungen an die Schulen werden lauter: Jungen Menschen soll neben dem Lehrstoff das Einmaleins der Demokratie, vor allem aber deren Stellenwert vermittelt werden. Eine wichtige, zusätzliche Aufgabe. Und eine, für die es das entsprechend qualifizierte Personal braucht.
„Wir bringen als Respektcoaches die dafür nötige Expertise mit“, weiß Susanne Quentmeier. Als eine von zwei Respektcoaches der Beruflichen Schule im Kreis Ostholstein macht sie Demokratie, Vielfalt und eben Respekt für die jungen Menschen greifbar, ermöglicht ihnen in verschiedenen Projekten ganz konkrete Antworten auf die Frage zu finden: „Demokratie und Teilhabe, was hat das denn mit mir zu tun?“ Gemeinsam mit ihrem Kollegen Lukas Schnatow unterstützt sie die Arbeit der Schüler*innenvertretung, organisiert Aktionstage zu Themen wie Gewalt gegen Frauen, Einsamkeit, solidarisches Handeln oder den Einsatz von Kindersoldaten: „Und die allermeisten erreicht man damit“, stellt sie immer wieder fest. Ein Erfolgsprojekt also. Aber eines, dessen Tage gezählt sind.
„Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat mitgeteilt, dass die Respektcoaches zum 31. Dezember 2026 enden“, erklärt Annelies Wiesner. Sie leitet das Christliche Jugenddorfwerk (CJD) Eutin. Als das Projekt 2018 startete, dockte es an die Jugendmigrationsdienste des CJD an: „Auf diese Weise konnte man die Fachlichkeit und das Netzwerk nutzen“, so Wiesner. Die Kooperation funktioniert bestens, an den Schulen schätzt man die Expertise der Coaches. Entsprechend groß ist die Betroffenheit. An der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Preetz sind zwei Respektcoaches aktiv. Sie werden fehlen, wie Schulleiter Dr. Daniel Kux auf Nachfrage ausführt: „Wir als Schulgemeinschaft bedauern das Aus außerordentlich und haben dies auch schon an den zuständigen Stellen verdeutlicht. Die Arbeit der Respekt Coaches macht Demokratie erfahrbar, indem sie anstatt vorgefertigter Lösungen partizipative Formate und Planspiele nutzen, um demokratische Prozesse erlebbar zu machen. Sie stärken die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler durch konkrete Methoden zur Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. Ein breites Themenspektrum, das von sozialer Gerechtigkeit bis zu individueller Identität reicht, deckt unterschiedliche Interessen ab, fördert individuelle Begabungen und weckt das Interesse an eigenverantwortlichem Engagement. Zudem wirkt das Projekt aktiv gegen antidemokratische Strömungen und zersetzende gesellschaftliche Tendenzen, indem es eine Kultur der Anerkennung und Liebe fördert und so eine wirksame Gegenbewegung zu Ausgrenzung aufbaut.“
Ähnlich äußert sich auch Daniela Haase, Schulsozialarbeiterin an der Beruflichen Schule in Eutin: „Unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind unterschiedlich in Alter, Kultur und Background. Sie brauchen Leitlinien, damit sie sich eine Meinung bilden und andere Meinungen respektieren können“, sagt sie. Die Respektcoaches leisten eine Arbeit, die die Schulsozialarbeit mit insgesamt fünf Stellen an den Standorten in Eutin und Bad Schwartau nicht übernehmen kann: „Wir sind mit den individuellen Beratungen voll ausgelastet“, so Haase. Probleme mit Mediensucht, Mobbing, sexuellen Themen, dazu Netzwerktreffen prägen den Arbeitsalltag: „Oben drauf noch Demokratiebildung ist nicht zu machen“, sagt die Sozialpädagogin. Die Notwendigkeit, diese Demokratiebildung fest im Schulalltag zu verankern, sieht sie ohne Wenn und Aber: „So viele junge Menschen wählen rechts“, meint sie eindringlich. Durch die Angebote der Respektcoaches war das Themenfeld fest verankert.
Über Erinnerungskultur, den Vergleich von Demokratie und Autokratie, Wahlen und die braune Geschichte Ostholsteins wurde dort gesprochen, wo die jungen Menschen aufeinander treffen: In der Schule. Eine Reise nach Dänemark wurde zur Begegnung mit eigenen Vorurteilen, „Meet a jew“ bot Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. „Es gibt so vieles, was ohne die Respektcoaches nicht möglich gewesen wäre“, unterstreicht Larissa Ehlers. Die Lehrerin leitet an der BS in Eutin die Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus“ und nennt als Beispiel die Demokratietage an der Schule mit vielen externen Dozentinnen und Referenten. Zudem seien bestimmte Inhalte zugänglicher, wenn sie von Menschen vermittelt würden, die die Schüler*innen nicht bewerten: „Dann wird echter Austausch möglich“, ist sie überzeugt. Das Aus für Coaches ist ihr unverständlich: „Demokratiearbeit an Schulen ist erwünscht. Aber wie soll sie funktionieren, wenn niemand da ist, der es machen kann?“ Wie wichtig es gerade im Zeitalter von Kriegen ist, sich verlässlich zu informieren, bringt Corinna Coplin als Aspekt ein. Die Lehrerin hat an der BS in Eutin die Arbeit der Respektcoaches begleitet: „Lehrkräfte sind an den Lehrplan gebunden. Die Respektcoaches können an die Klassen angepasste Projekt anbieten“, legt sie dar. Kollegin Julia Kraft zählt auf, was das Ende des Programms bedeutet: „Unsere Respektcoaches bieten eine verlässliche, kontinuierliche Struktur, mit der Schulen demokratische Kompetenzen systematisch fördern können: Diskussionskultur, Urteilsfähigkeit, Umgang mit Konflikten und die Sensibilität für Menschenrechte und Diskriminierung. Ein abruptes Ende würde genau diese Kontinuität zerstören und die erreichten Wirkungen wieder aufbrechen.“ Aus eigener Praxis kann die Lehrkraft und Fachschaftsleitung für Gemeinschaftskunde belegen, wie wertvoll das Programm ist: „Die Formate erreichen meine Schülerinnen und Schüler emotional und kognitiv — sie fördern Empathie, kritisches Denken und das Bewusstsein für Verantwortung in der Gesellschaft.“ In einer Phase, in der demokratiefeindliche Kräfte und Polarisierung zunähmen, sei der sparsame Abbau solcher Präventionsstrukturen kurzsichtig und risikoreich.
Die Gründe dafür, dass die Schulen ab 2027 ohne Respektcoaches auskommen müssen, sind finanzieller Natur: „Es muss gespart werden, da bot sich dieses Projekt an“, stellt Annelies Wiesner ernüchtert fest. Auch auf Bundesebene hervorragend vernetzt, hat sie sich dafür stark gemacht, dass das Projekt bleiben kann: „Jetzt hoffen wir, dass die Ministerin etwas Vergleichbares auflegt“, sagt sie und klingt dabei wenig optimistisch. Sie arbeitet daran, den Fachkräften beim CJD ein gutes berufliches Bleiben zu ermöglichen. Insgesamt wird ein bitterer Nachgeschmack bleiben, für den Schulsozialarbeiterin Daniela Haase diese Worte findet: „Wir sind doch eine ‚Schule ohne Rassismus‘, es ist nicht zu verstehen, dass man uns ein solches Projekt einfach streicht.“