Blick hinter die Kulissen beim Strohfigurenbau in Barsbek
Probsteier Korntage als Spiegel dörflichen Lebens
04.07.2026, 07:18 Uhr
PROBSTEER
Vom 25. Juli bis 23. August finden inzwischen zum 25. Mal die Probsteier Korntage statt. Getragen wird die überregional bekannte Veranstaltung von enormem ehrenamtlichem Engagement. Immerhin 19 der 20 Gemeinden des Amts Probstei machen mit. Im Mittelpunkt steht diesmal Barsbek, wo die Korntage eröffnet werden. Ein Blick hinter die Kulissen:
Rund 30 Männer und Frauen der knapp 600 Einwohner von Barsbek bringen ihre Erfahrungen mit dem Bau von Strohfiguren ein. Eine zentrale Rolle spielt in Barsbek auch der Barsch. Er ist nicht nur das Wappentier der Gemeinde. In Gestalt einer metallenen Windfahne dreht er sich sogar auf der Spitze des Schönberger Kirchturms. Doch für dieses Jahr hat sich die Werkstatt der Strohfigurenbauer ein anderes Meerestier als Strohfigur ausgedacht. Projektname: „Krake Oktobus.“ Sie hätte wohl nichts gegen die Bezeichnung `Tintenfisch´.
Planungen begannen bereits 2025
Die Planungen hatten noch in der Weihnachtszeit Form angenommen, aber die heiße Phase startete um Ostern. Seit damals war das Team normalerweise jeden Samstag damit beschäftigt, ausreichend Stroh zu verarbeiten. Die Männer rückten manchmal sogar mit der Flex an, um das aus Stahlstäben bestehende kugelige Gerüst in die rechte Form zu kriegen. Die Frauen waren vor allem damit beschäftigt, den metallenen Corpus mit Stroh zu stopfen, was nicht immer völlig schmerzfrei abgeht, weil stacheliges Stroh ganz schön pieksen kann. „Jedenfalls soll das Stroh trocken sein und am besten langstielig, damit es gut verarbeitet werden kann“, sagt Michael Schnack, Barsbeker Landwirt im Nebenwerwerb. Er hat das Stroh gestiftet. Sein Hof befindet sich schräg gegenüber vom Bauhof der Gemeinde. Familie Schnack hat französische Fleischrinder, Pommersche Wollschafe und Hühner und in ihrem Betrieb einen kleinen Hofladen eingerichtet. Insgesamt ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in und um Barsbek jedoch erheblich geschrumpft. Darüber kann auch die Pracht der weiten Rapsfelder nicht hinwegtäuschen. Im Frühjahr entflammen sie für einige Wochen das Landschaftsbild um Barsbek goldgelb. Dem Raps folgt das satte Rot der Erdbeeren und im Sommer das sattgelbe Getreide. Das reinste Naturfarben-Potpurri. Aber nicht zuletzt ist die Probstei eine Kornkammer.
Dorfbewohner erzählen
Auch Bärbel Mordhorst, die in Barsbek aufgewachsen ist, erinnert sich an die Zeit, als die Straße durch den Ort gebaut wurde. „Wir waren alle stolz“, erzählt die gebürtige Barsbekerin. „Nun hatten wir unsere Chaussee. Und wir jungen Leute fragten uns damals: ja sind wir denn bekloppt. Da hatten wir doch erst eine Flurbereinigung“, erinnert sich Bärbel Mordhorst und erwähnt eine Bürgerinitiative, in der sie aktiv war, um diese Landnahme zu stoppen. Vielleicht ist manchen Barsbeker Einwohnern klar geworden, dass die neue Straße durch das Dorf auch manche Barsbeker Dorfläden bedroht haben könnte, die es heute nicht mehr gibt. Demnächst soll die einzige noch in Barsbek ansässige Bäckerei schließen. Trotz solcher Umbrüche, die viele Dörfer zu verkraften haben, kam Bärbel Mordhorst nicht auf die Idee, Barsbek den Rücken zu kehren. Gelernt hat sie Bauzeichnerin im Schiffsmotorenbau. Später wechselte sie als Mitarbeiterin ins Büro einer Baufirma. Auch ihr Mann stammt aus Barsbek.
Entdeckungen am Rande der Korntage
Eine der Naturerkundungen im Rahmen der Probsteier Korntage wird auch zu einem Überbleibsel der Ostsee führen, das eine interessante Geschichte hat. Es erhielt den Namen Barsbeker See oder Barsbeker Bucht. Dort gab es auch einen kleinen Hafen, von dem aus das einst bekannte Barsbeker Saatgut bis nach Schweden und Polen verschifft wurde, wie auf einer der Infotafeln beim ehemaligen Feuerwehrgerätehaus zu lesen ist. Auch die Fischerei spielte eine Rolle. Die Probstei ist also eine Gegend, die nach wie vor Entdeckungen bereithält. Auch das mittlerweile geschlossene Dorfgasthaus Schneekloth ist ein Dokument der Dorfgeschichte. Es befindet sich auf einer der beiden etwa 250 bis 300 Meter langen Seiten des Dorfangers, der unter Denkmalschutz steht. Im Gasthaus Schneekloth fanden Familienfeiern statt wie Hochzeiten zum Beispiel, runde Geburtsrtage und Jubiläen, aber auch Beerdigungsfeiern. Der Barsbeker Krokusteppich lockt zahlreiche Besucher an. Da kann man sich hin und wieder dem Charme der verträumten ländlichen Kulisse hingeben. Sie beeindruckt zu allen Jahreszeiten. Und die Besucher der Probsteier Korntage dürften auch beeindruckt sein, wie einst der in Norddeutschland verankerte Maler Georg Burmester (1864 – 1936). Er hat sich von einem der Bauernhäuser am Dorfanger in Barsbek inspirieren lassen. Aber nichts hält sich bekanntlich ewig. Um die leuchtende Festwiese zu erhalten, müssen die Krokusse regelmäßig zu Tausenden nachgepflanzt werden.
Verbindungen nach Thüringen
Als sich die Probsteier Korntage zum Inbegriff eines selbstbewussten regionalen Festes entwickelten, sprach sich herum, dass auch im Thüringer Städtchen Stadtroda fleißig Strohfiguren gebaut wurden. Barsbek schickte eine Delegation in die Thüringer Gemeinde, um sich Anregungen für das eigene Strohfest zu holen. Doch mittlerweile hat Stadtroda das Strohfest aus dem Festkalender gestrichen. Die Probstei und damit auch Barsbek leben jedoch munter weiter mit den Probsteier Korntagen. Den Mitstreitern in den örtlichen Vereinen gelingt es offenbar, auch neue Bürger von der Lebensqualität des Dorfes zu überzeugen. Zum Beispiel Janine Blaschette. Einer ihrer dringendsten Wünsche sind gut ausgebaute ÖPNV-Verbindungen. Sie hat sich mit ihrem Mann nach ihrer beruflichen Karriere beim Kinderhilfswerk UNICEF, das seinen Sitz in der Schweiz hat, nicht etwa für eine eidgenössische Großstadt oder eine deutsche Metropole wie Hamburg als Wohnort entschieden, sondern für das kleine Barsbek.
Festakt in Barsbek
Eröffnet werden die Korntage am 25. Juli traditionell mit einem Festakt und buntem Rahmenprogramm, bei dem auch Kornkönigin Henrike und Kornprinzessin Jule ihre Aufwartung machen. Mit von der Partie sind eine Rockband und der Schönberger Chor Eintracht unter anderem mit Seemannsliedern. Neu seit vorigem Jahr ist, dass die Strohfiguren nicht mehr bewertet werden. Grund: Für die aufgewendete Mühe haben alle aufgestellten Strohfiguren eine Auszeichnung verdient, so die Planer. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, warum das eine gute Entscheidung war. Gäste und Einheimische können sich in Barsbek auf die Strohfigur des Oktopus freuen. Bereits einen Monat vor Eröffnung der Korntage wurde sie im Barsbeker Löschteich zu Wasser gelassen.