Mit Ulrike Fröhlich unterwegs zu Wittmoldts Wächtern und Wegelagerern
Plastisch-fantastisch: Der Skulptur auf der Spur
29.07.2026, 10:55 Uhr
Von:
Lotta Schneider
der reporter Plön/Preetz
Für Ulrike Fröhlich aus Plön ist sie als kultureller Ort ein geradezu magisches Plätzchen: die Halbinsel von Gut Wittmoldt. In ihren Führungen bringt die Kunsttherapeutin Gästegruppen am Seeweg mit Einfühlungsvermögen und Energie leidenschaftlich auf die Spur der Skulptur.
Hier spannt moderne Kunst den Bogen der Zeitgeschichte des historischen Ortes bis in den gegenwärtigen Moment des individuellen Erlebens beim Erwandern der Pfade. Hier zeigen sich wilde Natur und Kunst, Architektur und Agrikultur in einem Geflecht von Wechselbeziehungen. Hier fordert Ulrike Fröhlich die Besucher zum permanenten Perspektivwechsel auf.
Nie wirken die Objekte gleich in dieser Umgebung. Innehalten, In-Sich-Gehen, Wahrnehmen, Fühlen, Reflektieren. Was beim Entdecken im Inneren begegnet, ist nicht leicht in Worte zu fassen. Und so gleicht der Rundgang am Seeweg mit Ulrike Fröhlichs Worten einer „Reise in uns selbst“. Eine ergreifende Erfahrung. Buchstäblich. Sie rührt auch an. Zum Beispiel beim Anblick der Installation „Zaunkönig“, irgendwo im Wald am See.
Der „Zaunkönig“ ist ein Werk von Arno Neufeld (1955 – 2023). Doch bevor der Künstler seine Skizzen Form annehmen lassen konnte, starb er. Das übernahmen für ihn dafür die Künstler und Freunde Ingo Warnke, Ulf Reisener und Sophie Knabe. Der Anlass war die Ausstellung „Aus Nähe und Ferne betrachtet“ vor zwei Jahren, erinnert sich Ulrike Fröhlich. Für sie war die Installation konzipiert.
Arno Neufeld hatte es mit dieser Installation wörtlich gemeint. Und so können Seewegwanderer sich durch den Wald auf die Installation am See zu- und dann von einem Nest zum nächsten und drumherum bewegen. Vielleicht gerade so wie die Vogelfrau, für die der Zaunkönig stets den Riesenaufwand mit zahlreichen Nestbauten betreibt, erklärt Ulrike Fröhlich. Er muss sich mächtig anstrengen, ins Zeug legen und bei unter 12 Gramm Eigengewicht wie ein Weltmeister bauen, der Winzling mit der großen Stimme. Jedes Nest: Ein kleines Kunstwerk.
Seit 2022 schärft Ulrike Fröhlich in vermittelnder Rolle den Blick ihrer Besuchergruppen für Details und Wesentliches auf dem Weg der Skulpturen. Überhaupt alle Sinne. Denn es ist ein Weg, der zu jedem Moment des Tages und in jeder Jahreszeit anders auf die persönliche Wahrnehmung wirkt. Beinahe ein wenig magisch. Vogelgesang, das Knarzen von Baumstämmen, die vom Wind bewegt aneinander reiben, der Geruch des Wassers zur Algenblüte, vom frischen Wiesenschnitt, vom modrigen Herbstlaub am Ufersaum oder vom sich ankündigenden Schneefall gehören dazu wie Lichteindrücke und Farben.
„Mein Ziel ist es, dass die Menschen, die kommen und wieder gehen, zufrieden sind“, sagt sie. Nicht durch ein Abbild von Lehre und schulischem Unterricht gelingt es ihr. Vielmehr gehe es darum, „eine Seite im Menschen zu öffnen, die bereit ist, geöffnet zu werden.“ Da spielen subtile Gefühle, die vielleicht seit der Kindheit in ihm schlummern, eine viel größere Rolle beim Betrachten von Kunst. Es entsteht ein Erleben, wenn dieser Anblick „ein Echo hervorruft“, macht sie deutlich.
Ihre pädagogische Expertise ist ihr Handwerkszeug für diesen Brückenschlag ins Plastisch-Fantastische. Die gewann sie durch ihren Beruf als Lehrerin an Förderzentren sowie auch durch ihre berufliche Praxis als studierte Kunsttherapeutin. Zentral ist für sie, gleich zu Beginn ein Gefühl für die jeweilige Gruppe zu bekommen. Auch pflegt sie die Führungen gemeinsam in der Gutshausküche ausklingen zu lassen. Dann steht immer etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen bereit. Gemütlich soll es sein, hier im Gespräch und im Nachklang über die Kunst.
Und so gelingen ihr am Seeweg in kommunikativer Leichtigkeit die beinahe fließenden Übergänge von einer Skulptur bis zum nächsten Kunst-Werk. Buchstäblich richtungsweisend wirkt dabei die Einbindung der poetischen Seite des 2013 gegründeten Skulpturenpfades. Das geschieht durch ein Zeile für Zeile zu erwanderndes Gedicht, in dem Yasmin Mai-Schoger den Spatz besingt - und den Weg der Kunst mit einem roten Faden versieht. Beginnend am Torbogen stehen die letzten Zeilen im Fenster einer alten Mauer, dem Rest eines Stallgebäudes. Unterwegs finden sich die Schriften auf Totholz oder Steinen. Ganz der mitunter wilden Umgebung angepasst, erzählen sie von der Zartheit eines kleinen Mitgeschöpfes, das alle Kraft aufwenden muss, sein Leben zu leben. Dabei hat die Open Air Ausstellung mit ihrer Poesie und den Objekten auch sonst viel mit der Topografie und Geschichte der Wittmoldter Halbinsel zu tun.
Die Landzunge ragt am Übergang des Kleinen Plöner Sees in das Flussbett der nach Gut Wahlstorf abfließenden Schwentine. Östlich erstreckt sich die Seenlandschaft bis Plön, bis zum Schloss, das in den 1630-er Jahren eine mittelalterliche Höhenburg ersetzte. Ein Blickfang. Damals wie heute.
Doch die Blickbeziehung als solche war unter den damaligen Blickpunkten Handel, Wandel, Machterhalt und Verteidigung bedeutungsschwerer. Die Halbinsel: Ein Ort, der Geschichte atmet. Wer wäre da über einen „Wegelagerer“ am Seeweg verwundert, der von einer Böschung abwärts entspannt aufs Wasser schaut? Und ist es vielleicht eher eine „Wegelagerin“, die hier auf Begegnungen lauert? Mit Blick auf die Frisur und die gespitzten Ohren ist sich Ulrike Fröhlich da gar nicht ganz sicher.
Die aus wetterbeständigem Weißbeton gefertigte Skulptur des Künstlers Aurel Rückner zählt zu einer ganzen Reihe Aufsehen erregender Arbeiten, die hier den Elementen ausgesetzt zu allen Jahreszeiten die Stellung halten. Hoch ragen die alten Buchen auf, durch deren Kronen ein böiger Wind aus Nordwest rauscht. In Dörnicks Niederungen am gegenüberliegenden Ufer lärmen laut die Riesenscharen unzähliger Wildgänse. Wartet Rückners „Wegelagerer“ auf einen Nachen? Jahrhundertelang bestand hier eine Fährverbindung.
Schon lange sind die Fährmänner vergessen. Doch ein bisschen schwingt etwas aus ihrer Zeit mit, wenn man an diesem „Lost Place“ der alten Prahme einer einst so bedeutenden Anlegestelle überraschend auf Skulpturen stößt. Auch „Schräder wartet“ am Spülsaum der Schwentine. 2006 hatte Künstlerin Nana Schulz ihre Polyesterfigur auf einen Stahlsockel montiert und im Wattenmeer ausgesetzt. Nach einigen Ausflügen durchs Land sitzt sie nun „Ohne Funktion“ in Wittmoldt. „Schräder wartet“ - und hat einfach nichts zu tun. Außer Besucher zu überraschen. Für sie da zu sein. Täuschend echt wirkt er auf den ersten Blick. Und auf den zweiten. Sitzt da einer? Ist er sauer, weil keiner kommt?
Obwohl Nana Schulz ihren Polyester-Man in Einsamkeit zurückgelassen zu haben scheint – ganz allein ist er nicht. Auf dem Seeweg warten nämlich noch – kühl und zurückhaltend - die „Wächter“ des Bildhauers Jan Koblasa (1932 – 2017). Dunkel aufragende Gestalten, die sich nicht gleich dem Auge aufdrängen; eher wirken sie mit dem Grau der Buchenstämme wie verschmolzen. Aber wer sie entdeckt hat, kann die baumstarke Kraft ihrer Ausdrucksformen wahrnehmen. Bewachen sie etwa die alte Anlegestelle der Fährmänner? Ist hier erhalten drohende Dramatik spürbar?
Ein paar Meter weiter tauchen Koblasas Apokalyptische Reiter abseits des Pfades auf. Schräge Riesengestalten im Begriff dynamischer Beschleunigung. Perfekt trotzen sie ihrer statischen Natur. Der stürmische Wind fegt durch das Geäst. Gleich sind sie weg, kein Zweifel. Der Tag des jüngsten Gerichts und das Ende der Menschheit sind nah, scheint es. Kommen wir zur Besinnung?
Dann lichtet sich der dunkle Wald. Hell und grün breiten sich die Wiesen zum Gut hin aus. Wie tröstlich wirken die guten Aussichten, die an diesem Ort „Rosa“ auf den blauweißen Wölkchenhimmel gewährt - zumindest, wenn man sich unter sie begibt und hochschaut. Ulf Reisener und Ingo Warnke haben die hochbeinige Skulptur 2012 gefertigt. Auch sie verkörpert ein irgendwie bewegt anmutendes, auf jeden Fall bewegendes Riesengebilde. Mehr animalisch als vegetativ. Ein fünfbeiniges baumhohes Etwas, das angenehm rosa dem Auge schmeichelt, bei näherer Betrachtung aber ziemlich viele Farben aufweist. Farben, die irgendwie Marshmallows und Malventee miteinander verbinden. Lieblich. Angenehm. Süß. Wie die Pfläumchen, die an den alten Mirabellenbäumen gerade reifen. Oder wie die poetischen Zeilen über den kleinen Spatz – gleich da drüben in der sonnengewärmten alten Mauer.
Info: Noch bis zum 15. November 2026 stellen Ute Diez und Susanne Nothdurft Konzeptkunst und Malerei im Gutshaus aus. Die nächste Führung gibt es am Dienstag, 11. August um 19 Uhr. Die Teilnahme kostet 10 Euro. Anmeldung: telefonisch unter 0151 - 465 64 999 oder kontakt@seeweg.info. Die Ausstellung im Gutshaus kann außerhalb der Führungstermine nur nach telefonischer Absprache unter 0151 - 465 64 999 besichtigt werden.
Die Ausstellung am Seeweg ist ganzjährig frei zugänglich.