Seit 100 Jahren ein Haus für viele
Naturfreundehaus in Kalifornien feiert Jubiläum
28.08.2026, 09:58 Uhr
Von:
Markus Münch
PROBSTEER
Wenn das Naturfreundehaus Kalifornien am Sonnabend, 12. September, sein Jubiläum feiert, wird für geladene Gäste, Wegbegleiter und Freunde die Geschichte des Hauses noch einmal lebendig. Sie blicken zurück auf eine Geschichte, die geprägt ist von idealistischem Aufbau, willkürlichem Verbot und unermüdlichem Aufbauwillen.
Wenn man bedenkt, dass die meiste Arbeit ehrenamtlich geleistet wird, wirken die nackten Zahlen beeindruckend. Immerhin bietet das Haus heute rund 96 Betten in etwa 30 Zimmern sowie mehrere Gemeinschaftsräume. Was viele nicht wissen: Die Zimmer stehen nicht nur Gruppen offen, sondern können auch von Familien, Paaren und Einzelreisenden gebucht werden. Ziel ist heute wie vor 100 Jahren: vergleichsweise preiswerte Ferien an der Ostsee zu ermöglichen.
Für Antje Brügmann, Vorstandsmitglied des Naturfreundehauses, ist das Haus weit mehr als ein Urlaubsort. Sie hat eine persönliche Verbindung, die zurückreicht bis in die 1960er-Jahre. Auf dem kleinen Campingplatz gegenüber, der ebenfalls zum Naturfreundehaus gehört, lernte sie laufen. Später liebte sie es, mit dem Dreirad übers Gelände zu rollen. „Als Kinder sind wir häufig vor der Küche des Hauses herumgelungert und hofften, etwas Süßes zu ergattern“, erinnert sie sich. „Und häufig hat das auch geklappt“, erzählt sie lächelnd. Noch später verbrachte sie mit ihren eigenen Kindern hier die Ferien und nahmen an den Sommerprogrammen teil.
Die Naturfreundebewegung wurde 1895 in Wien gegründet und hat ihre Wurzeln in der Arbeiterbewegung. Ihr Ziel war es, auch Menschen mit wenig Geld Zugang zu Natur, Freizeit und Erholung zu ermöglichen. 1905 kam die Bewegung nach Deutschland. Auch nach Schleswig-Holstein. In den 1920er-Jahren entstand das Naturfreundehaus in Kalifornien als Gemeinschaftsprojekt, das 1926 eröffnet wurde. Bereits 1933 musste es seine Türen wieder schließen. Die nationalsozialistische Diktatur setzte der freien Naturfreundearbeit ein Ende. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bemühten sich die Naturfreunde um einen Neuanfang. Doch es sollte fast zwei Jahre daue es, bis die Naturfreunde Februar 1947 wieder offiziell zugelassen waren. Das Haus selbst erhielten sie im Herbst 1950 zurück. Erst ab 1953 durfte es wieder regulär bewirtschaftet werden.
In den folgenden Jahrzehnten wurde das Gebäude mehrfach erweitert. 1959 entstand ein Anbau mit 20 zusätzlichen Zimmern. In den 1980er-Jahren kamen unter anderem eine überdachte Veranda hinzu, und der Nordflügel wurde aufgestockt. 1995 richtete ein Feuer so große Schäden an, dass das Haus neu aufgebaut werden musste. Auch dieser Einschnitt macht deutlich, warum was die Geschichte des Hauses prägt: „Nach Krieg und Enteignung, nach dem Brand und zuletzt nach der schwierigen Corona-Zeit waren es immer wieder Menschen, die gesagt haben: Das hier ist es wert, erhalten zu werden“, betont Brügmann.
Auch auf dem benachbarten Campingplatz gehört diese Unterstützung seit Jahrzehnten zum Alltag. Dort gibt es heute 18 Dauerstellplätze. Viele Camper kennen den Platz seit ihrer Kindheit. Sie treffen sich zu Garten- und Streicharbeiten und unterstützen das Personal bei Veranstaltungen oder hoher Auslastung. „Schon unsere Eltern haben im Haus ausgeholfen, wenn Hände gebraucht wurden“, sagt Brügmann. „Auch heute gehört es für uns Camper dazu, einen Beitrag zu diesem Ort zu leisten.“ Nur so war es möglich die Coronakrise zu überstehen, die das Haus in wirtschaftliche Nöte brachte. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, wurde unter anderem eine Selbstversorgerküche eingerichtet. Die Hausleitung half in der Küche, sogar Besucher packten zeitweise mit an.
Inzwischen wird das Haus wieder von festangestellten Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern gemeinsam getragen: „Das Zusammenspiel beider Seiten bleibt eine wesentliche Grundlage des Betriebs“, stellt Brügmann klar. Bei ihrer Vorstandsarbeit kann sie auf berufliche Erfahrung zurückgreifen. Als Coach und Organisationsentwicklerin begleitet sie Menschen und Organisationen in Entwicklungsprozessen. Die Schlüsselfrage ist dieselbe: was muss erhalten und was verändert werden! Mit diesem Wissen im Rücken kann sie die Entwicklung des Naturfreundehaus zwar aus einer professionellen Perspektive betrachten. „Doch im Naturfreundehaus begleite ich diesen Prozess nicht von außen, sondern bin selbst Teil davon“, erklärt Brügmann: „Ich kann mitgestalten und dazu beitragen, dass etwas, das lange vor mir begonnen hat, auch nach mir weiterbestehen kann.“ Dabei schätzt sie besonders die Bodenständigkeit des Hauses. Schließlich gehe es nicht um Perfektion, sondern um Gemeinschaft, einen Ort zu erhalten, an dem Menschen Natur und Erholung erleben können.
Die Geschichte des Naturfreundehauses fasst sie so zusammen: Es wurde aufgebaut, verloren, zurückgewonnen und mehrfach gerettet. Dass dort auch nach rund 100 Jahren Gäste ihre Ferien verbringen können, sei nicht einem Gebäude mit wechselvoller Geschichte zu verdanken. „Entscheidend waren und sind die Menschen, die sich für einen gemeinsamen Ort verantwortlich fühlen.“