Ein Ostsee-Krimi als Beitrag zur Erinnerungskultur
Lesung von Turid Müller begeisterte und faszinierte Zuhörer
06.07.2026, 08:05 Uhr
der reporter Eutin/Malente
„Unter dem Strand" lautet der Titel des neuen Kriminalromans von Turid Müller. Bei einer Lesung an der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte (GHBS) stellte die Hamburger Autorin einige Kapitel aus ihrem im April erschienenen Buch vor. Das Besondere: Die Handlung des Romans spielt in Neustadt und widmet sich auch den Geschehnissen und des Gedenkens um die Bombardierung der Cap Arcona Katastrophe 1945 in der Lübecker Bucht. Sie habe in ihrem Buch die schwere Geschichte ihrer beiden Lieblingsorte verarbeitet. „Der Roman soll auch ein Beitrag zur Erinnerungskultur sein“, erklärte Turid Müller. Zwischen den Kapiteln, die sie aus ihrem Buch vortrug, erzählte die Autorin von ihrer Reise in die Vergangenheit, auf die sie sich mit diesem Projekt begeben habe.
Nach ihrem Amrum-Krimi habe sie ein neues Buch schreiben wollen, dessen Geschichte in der Lübecker Bucht spielt. Beim Spaziergang in der Bucht fielen immer wieder Gedenksteine ins Auge, die an diese Katastrophe in den letzten Kriegsjahren erinnern würden. Sie sei aber zuerst unsicher gewesen, ob und wie eine Schiffskatastrophe in dieser Größenordnung in einem Krimi beschrieben werden könne. „Umso mehr die Gegend mir vertraut wurde, desto klarer wurde mir auch, dass diese Geschichte erzählt werden will und muss. Was hier vor bald 81 Jahren geschah, ist bis heute gegenwärtig, aber auch immer noch unbekannt“, berichtete Turid Müller. Noch nie zuvor habe sie für ein Buch derart viel recherchiert. Bücher zu wälzen hätte nicht gereicht. „Ich habe mit zahlreichen Institutionen und Fachleuten aus der Region zusammengearbeitet, die mir ihr Wissen zur Verfügung zu stellen. Ich hätte aber unmöglich alles erzählen können ohne die Hilfe der Menschen aus dieser Ecke. Wenn man so schreibt, dann stellen sich plötzlich einige Fragen, auf die man vorher gar nicht gekommen wäre“, so die Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
Zwei Stunden dauerte die kurzweilige Lesung der Buchautorin. Unter den interessierten Zuhörern befand sich auch Regina Poersch und war begeistert: „Turid Müller ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Die Lesung hallt sicher noch lange nach“, war sich die Eutinerin sicher. Die Frage, ob „leichte Kost“ wie ein Krimi mit einem monströsen Verbrechen wie der Cap-Arcona-Katastrophe verbunden werden dürfe, bejahte Poersch ausdrücklich. Und Turid Müller sei das sehr gut gelungen, stellte die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete fest. „Durch das Buch haben die Ermordeten Gesichter bekommen. Sie bilden nicht mehr die abstrakte Masse von unfassbaren 7000 Toten, sondern heißen Leon und Fritz, haben eine eigene Geschichte“, so die Diplomverwaltungswirtin. Auch die Lesung habe zu ihrem Fazit geführt: „Ich kann eine absolute Leseempfehlung aussprechen“, unterstrich Regina Poersch.
Susanne Kroll war ebenfalls dabei. Sie besuche gerne und häufig Autorenlesungen und habe ihren Besuch bei der Lesung von Turid Müller nicht bereut: „Ich war beeindruckt von ihrer Erzählweise, sehr feinfühlig“, so die Malenterin. Ihr würden Geschichten gefallen, die Historisches mit der Gegenwart verknüpften. Und die Geschichte der Cap Arcona interessiere sie besonders. „Da gibt es ja den regionalen Bezug gibt. Und die Erinnerung wird wachgehalten. Ich bin schon gespannt, das Buch zu lesen und zu sehen, wie die verschiedenen Erzählstränge zusammengeführt werden“, berichtete Kroll erwartungsvoll.
Angetan war auch Lars Winter als Leiter der GHBS: Die Lesung habe ihm persönlich sehr gut gefallen. Erfreut hätten ihn auch die viele positiven Rückmeldungen. „Turid Müller wurde sehr gelobt, aber auch das von unserer Einrichtung geschaffene Ambiente hat offenbar Gefallen gefunden“, so Winter.
Nach dem Erfolg würden weitere Lesungen an der GHBS angeboten. Ermutigt worden sei er von Hinweisen, dass diese Form der Kultur in Malente nicht angeboten werde. „Wir möchten gerne unseren Beitrag leisten, um diese Lücke zu schließen“, so Lars Winter.
Die Rahmenhandlung
Der eigenen Geschichte kann niemand entkommen: Cay, eine gescheiterte Autorin mit einem Leben voller Brüche, schlägt sich als Journalistin durch. Für einen ihrer Aufträge fährt sie in die Lübecker Bucht. Zum 80. Mal jährt sich der 3. Mai, an dem die Cap Acona kurz vor Kriegsende durch britische Flugzeuge versenkt wird und insgesamt über 7.000 KZ-Häftlinge ihr Leben verlieren. Doch bevor Cay recherchieren kann, findet sie am Schauplatz der Katastrophe die Leiche einer jungen Frau, die sich für das Gedenken an diese Tragödie eingesetzt hat. Auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit stürzt sich Cay in den Mordfall und muss feststellen, dass die ungesühnte Schuld von damals noch immer einen langen Schatten auf die Gegenwart wirft.