Kunst mit Köpfchen im Kulturforum

17.06.2026, 22:01 Uhr
Von: Lotta Schneider
der reporter Plön/Preetz

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Kunstvereinsvorsitzende Karin Romming (v. l.), Kurator Valentin Rothmaler und Bildhauer Manfred Sihle-Wissel mit Altkanzler Helmut Schmidt in ihrer Mitte haben für die Sommerausstellung eine Vielzahl Köpfe zusammengestellt.

Kunstvereinsvorsitzende Karin Romming (v. l.), Kurator Valentin Rothmaler und Bildhauer Manfred Sihle-Wissel mit Altkanzler Helmut Schmidt in ihrer Mitte haben für die Sommerausstellung eine Vielzahl Köpfe zusammengestellt. © Lotta Schneider

Helle Köpfe oder kluge? Holz- oder Hohlköpfe? Oder beides? Im diffusen Licht der „Alten Schwimmhalle“ als einem der ungewöhnlichsten Ausstellungsräume der Region kann man sich ein Bild, besser einen Kopf zu besonders ausdrucksstark gestalteten Objekten zum Thema Mensch machen.

Es sind formvollendete Charakterköpfe, nicht immer ohne Ecken und Kanten, Köpfe aus der Werkstatt des Brammer Bildhauers Manfred Sihle-Wissel. Der Plöner Kunstverein lädt zur Vernissage ein, die am Sonntag, 21. Juni, um 11.30 Uhr im Kulturforum, Schlossgebiet 1a beginnt. Der Maler Friedel Anderson führt dann in die Ausstellung ein.

Bemerkenswerte Gesichter, manchmal mit Ecken und Kanten

Facettenreich wie ein Kaleidoskop, nicht ganz so bunt, aber ausgesprochen „vielgesichtig“, haben Kurator Valentin Rothmaler und Vereinsvorsitzende Karin Romming die Sommerausstellung 2026 mit Manfred Sihle-Wissels Köpfen zusammengestellt. Da flankiert eine lange Reihe namhafter Literaten Gruppen und Grüppchen von Künstlern und Promis neben einem zentralen Ensemble stark abstrahierter Werke.

Die Idee einer Zusammenkunft bemerkenswerter Köpfe – keine Büsten, wie er betont, denn es fehlt die Schulterpartie - hat ihre doppelbödigen Hintergründe. „Ich wollte die Schwimmhalle mal so richtig bevölkern“, erzählt Valentin Rothmaler. Jede Anschauung wird hier zum Tête à Tête, einer Begegnung mit den Säulen getragenen Häuptern, als ganz auf Augenhöhe mit dem Betrachter. Es sind rund 50, man sollte sich Zeit nehmen für. Hinzu kommt eine Auswahl Bilder und Reliefs.

Der 2024 in Bronze gegossene Paul Keres war ein estnischer Schachgroßmeister, mit dem Manfred Sihle-Wissel ein künstlerisches Schlüsselerlebnis in seiner Kindheit verbindet – der Tetraeder unter dem Kopf spielt darauf an.

Der 2024 in Bronze gegossene Paul Keres war ein estnischer Schachgroßmeister, mit dem Manfred Sihle-Wissel ein künstlerisches Schlüsselerlebnis in seiner Kindheit verbindet – der Tetraeder unter dem Kopf spielt darauf an. © Lotta Schneider

„Es sind Köpfe – keine Büsten“

Manfred Sihle-Wissel nennt seine Holz-, Gips- und Bronzeköpfe Porträts. Unter seinen prominenten Vertretern: Altbundeskanzler Helmut Schmidt (1918 – 2015), „Amrum“-Drehbuchautor und Regisseur Hark Bohm (1939 – 2025) und Hamburgs bekannteste Domina Domenica Niehoff (1945 – 2009). Eine bemerkenswerte Frau, die das Prostituierten-Hilfsprojekt Ragazza e.V. mit angeschoben und sich bis 1997 um drogenabhängige junge Strichmädchen und -frauen gekümmert hatte.

Auch die Journalistin und Autorin Marion Gräfin Dönhoff (1909 – 2002), eine der bedeutendsten Publizistinnen der Nachkriegszeit, hat ihren Platz in der Menge. Unter anderem für ihr Buch „Um der Ehre willen“ wurde sie bekannt. Verarbeitet hatte sie darin ihre Erinnerungen an Freunde – an Menschen, die beim Widerstand gegen das NS-Regime den Tod gefunden hatten.

Andere Köpfe sind mit älteren Epochen verbunden. So hat Manfred Sihle-Wissel aus einer hölzernen Wasserleitung den Kopf eines Schapur herausgearbeitet. Die Wasserleitung selbst ist jedoch ein Stück Kulturgeschichte aus dem Jahr 1850, das weckte sein Interesse an dem Werkstoff, erzählt er. Über Jahrhunderte seien Eichenstämme zu diesem Zweck ausgehöhlt und als sogenannte Pfeifenbäume zu Leitungen zusammengefügt worden. Pipenböm op Platt. Sie führten den Städten mehr oder weniger frisches Trinkwasser zu.

Manfred Sihle-Wissel nutzte ein Teilstück des fünf Meter langen Stamms für einen markanten Hohlkopf: Dieser Kopf eines Schapur ist für Betrachter somit leicht durchschaubar, wenn auch nicht auf den ersten Blick in seiner Art erkennbar. Ganz im Sinne des künstlerischen Schaffens. Spannender Ausgangspunkt war die Reliefabbildung einer alten Silbermünze, erzählt Sihle-Wissel.

Ein heller Kopf inmitten anderer: Kollege Edgar August (1936 – 1996) zählt zu einer Gruppe porträtierter Künstler.

Ein heller Kopf inmitten anderer: Kollege Edgar August (1936 – 1996) zählt zu einer Gruppe porträtierter Künstler. © Lotta Schneider

Inspiriert durch einen schrägen Typen Hans Gudewerdts

Ein weiterer Kopf aus einem historischen Kontext ist durch den Eckernförder Bildschnitzer Hans Gudewerdt (vor 1570 – 1642) inspiriert. Oder ist er es sogar? Die Vorlage zu dieser Arbeit lieferte ein Detail des Gudewerdt-Altars von St. Marien zu Schönkirchen. Nur in wenigen Zentimetern Abstand zu diesem bestimmten Kopf finde sich Hans Gudewerdts Signatur auf der Rückseite, sagt Manfred Sihle-Wissel. Gudewerdt wäre auch nicht der erste Künstler, der sich dezent in seinem Werk verewigt hätte. Aber ob es nun stimmt, ist unerheblich: „Ich hatte einfach Spaß an diesem grotesken Gesicht“, sagt Sihle-Wissel. Ursprünglich für den Rathausplatz von Eckernförde vorgesehen, was der Bürgermeister der Stadt jedoch abgewendet habe, hat der Kopf in der Hans Gudewerdt Straße seinen angestammten Platz erhalten. Seitdem macht das Kunstwerk im Nachklapp aller Diskussionen als Treffpunkt der Eckernförder Stadtführungen Furore.

Der kleine Unterschied...

Üblicherweise entstehen die Kopfarbeiten aber am lebenden Modell, erzählt Sihle-Wissel. Zügige zwei Stunden sind dafür gesetzt. Weniger die objektive Beobachtung, als insbesondere das, was „aus der eigenen Seele heraus“ die Gestaltung beeinflusst, forme den weichen Ton, in den die Finger Stimmungen, Emotionen und Lebenserfahrungen hineindrücken, je nachdem, was sich da zwischen Kopf und Fingerspitzen gegenüber dem Modell gerade abspielt. „Der spannende Moment ist der nächste Morgen, wenn man die Hülle entfernt und man sich fragt: tritt mir da etwas Lebendiges entgegen?“ Ist das Tonobjekt perfekt, dient es als Grundlage zur Erschaffung von Hohlformen als Ausgangsprodukt für den Gips- oder Bronzeguss. Natürlich liegt alles im Auge des Betrachters, aber „Frauen und Männer sind in der Akzeptanz ihrer Porträts sehr unterschiedlich“, hat Sihle-Wissel festgestellt. „Männer sind sofort zufrieden, wenn sie sehen, der Bildhauer ist mit Schmackes herangegangen...“ Und Frauen? „Na ja...“ Frauen zu porträtieren sei demgegenüber schwierig. Es sei denn, sie blickten als Künstlerinnen auf den Vorgang. „Aber viele andere nörgeln indirekt“, fügt er mit hintergründigem Lächeln hinzu.

Einen weiteren Kopf des Schapur hat Bildhauer Manfred Sihle-Wissel aus einer uralten Holzrohrleitung gestaltet und dafür ein Teilstück des längs durchbohrten Eichenstamms verarbeitet.

Einen weiteren Kopf des Schapur hat Bildhauer Manfred Sihle-Wissel aus einer uralten Holzrohrleitung gestaltet und dafür ein Teilstück des längs durchbohrten Eichenstamms verarbeitet. © Lotta Schneider

Das Mirakel eines Schachgroßmeisters

Rund 300 Porträts hat er erschaffen. Darunter zahlreiche Auftragsarbeiten, aber auch manche, die aus dem reinen Interesse an dem Gesicht entstanden. „So kam es, dass ich Altkanzler Helmut Schmidt porträtierte, Marion Gräfin Dönhoff, Hinz und Kunz und viele Kollegen und andere Kunstschaffende...“ Der gute Draht in alle Richtungen trug zu dieser produktiven Entwicklung bei.

Helmut Schmidt saß 1997 eindreiviertel Stunden Modell und suchte das Gespräch. „Er ist sehr auf meine Herkunft im Baltikum eingegangen“, erinnert sich der Künstler. Manfred Shihle-Wissel, geboren 1934 in Tallinn, Estland, hat eine Erinnerung an den estnischen Schachgroßmeister Paul Keres in einer aktuellen Bronzeskulptur verarbeitet. „Er war Untermieter im Hause meiner Tante“, erzählt er. So kam es, dass Keres dem damals Vierjährigen vormachte, wie ein weiches Stück vom Brot durch manuelle Verformung die Gestalt eines Tetraeders mit Ecken und Kanten annimmt. Diese spontan erschaffene morphologische Veränderung habe er als kleines Kind wie ein Mirakel wahrgenommen. Ein wegweisendes Schlüsselerlebnis.

Ab 50 fokussiert auf Kopfarbeit

1939 sei er aus Estland nach Posen ins Wartheland gekommen. Zuvor hatte Nazi-Deutschland Polen angegriffen und erobert und setzte nun die Umsiedlungspolitik Marke „Heim ins Reich“ um. Der geplante Kurs einer ethnischen Flurbereinigung zielte auf ein einheitlich deutsches Siedlungsgebiet von der Krim bis Leningrad (Sankt Petersburg). Eingepreist: Die Deportation oder Tötung von Millionen Menschen. Die Flucht im Jahr der deutschen Kapitulation 1945 führte den damals Elfjährigen dann schließlich über Umwege nach Hamburg, wo er 1954 an der Hochschule für Bildende Künste zu studieren begann. 35 Jahre später wurde er Schleswig-Holsteiner. Bereits um die 50 Jahre alt, begann ihn das Thema Mensch zu interessieren. Die Ergebnisse dieser richtungsweisenden Kopfarbeit sind nun im Plöner Kulturforum zu sehen. Bis zur Finissage am 26. Juli ist die „Alte Schwimmhalle“ für den Ausstellungsbesuch dienstags bis sonnabends von 14 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11.30 bis 18 Uhr geöffnet.

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