Facettenreicher Rassismus, gefährliche Stereotype: Plöner Schüler im Gespräch mit Ibrahim Arslan
„Ja, ich bin auch Deutscher, aber ich bin nicht weiß …“
03.07.2026, 14:40 Uhr
Von:
Lotta Schneider
der reporter Plön/Preetz
„Ausländer raus!“. „Deutschland den Deutschen!“. Ausdrücke von Hass, Hetze und Gewalt. Das Gymnasium Schloss Plön setzt ein Zeichen dagegen: Seit dieser Woche gehört die Schule dem Netzwerk „Schulen ohne Rassismus/Schulen mit Courage“ an.
Ibrahim Arslan, ein Überlebender des Möllner Anschlags 1992, verlieh dem Tag der offiziellen Aufnahme in das Netzwerk mit einem Workshop zum Thema Rassismus einen besonderen Akzent. Sein Ausgangspunkt: Die Frage nach der Entstehung von Hass. Und: Wie damit umgehen?
Es geht ihm um tief sitzende Erfahrungen, Verletzungen, Gefühle von Ohnmacht. „Erlebte Gewalt nehmen wir immer mit“, sagt Ibrahim Arslan. Wichtig sei deshalb: „Wenn ihr Gewalterfahrungen hier an der Schule macht, auch von Schülern hier im Raum, dann sprecht darüber“, legt er seinen Zuhörern eindringlich nahe. Dann leitet er über zur Klärung von Begrifflichkeiten, die das Thema auf ganz anderer Ebene berühren. Zumal sie eine stark assoziative Wirkung entfalten können, eine nachteilige zudem. Es geht um Gastarbeiter und Flüchtlinge.
Die einen: Arbeitskräfte, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land gerufen wurden, weil es hierzulande zu wenige gab. Die anderen: Menschen, die sich aufgrund der politischen Umstände zu fliehen gezwungen sahen. Die Ausgangslagen wirken völlig unterschiedlich.
Deshalb richtet der Referent sein nächstes Schlaglicht auf die Arbeits- und Lebensrealitäten der Gastarbeiter und stellt sie in den Zusammenhang mit einschlägig verbreiteten Vorstellungen und Klischees, die über sie kursieren. Bilder, die auch mit rassistischen Vorurteilen, mit Schmähungen, mit Ablehnung korrespondieren. Sie begegnen alltäglich.
Gastarbeiter, sagt er, arbeiteten rund 18 Stunden. Ein Tag hat aber nur 24 Stunden. „Wie ist es möglich, dass diese Menschen noch Deutsch lernen?“, fragt Ibrahim Arslan in die Runde. An einen Schüler gerichtet vertieft er den Punkt und die Erwiderung lässt sich erahnen: „Hast du mal darüber nachgedacht, warum Gastarbeiter kein Deutsch können?“
Tatsächlich geht die Idee, Integrations- und Sprachbemühungen seien eine Frage der Einstellungen und des guten Willens, an der Wirklichkeit der Lebensumstände dieser so viel arbeitenden Gäste im Land völlig vorbei, macht Ibrahim Arslan deutlich. „Bei dem niedrigen Lohn ist es gar nicht möglich, dass diese Leute acht Stunden arbeiten“, konstatiert er und präsentiert ein altes Foto auf der Leinwand: Gastarbeiter bei der Erdbeerernte. Es ist die Gegend von Mölln.
Ibrahim Arslan wechselt die Perspektive auf die Herkunft der Gastarbeiter. Auf Länder, in die urlaubende Europäer gern verreisen. „Wie macht man Urlaub in der Türkei?“, stellt er die Frage in den Raum. „In der Hotelanlage“, antwortet ein Schüler und fügt wie beiläufig hinzu, was bei der Wahl des Urlaubslandes offenbar keine unbedeutende Rolle spielt: Dass nämlich dort „günstige Sachen“ zu bekommen seien.
Mitschülerin Hevidar hat einen ganz anderen Blick darauf und Ibrahim Arslan scheint es zu wissen, als er sie nach den Gefühlen fragt, die sie mit ihrem ersten Besuch in der Türkei verbindet: „Aufregung, Freude“, zählt sie auf. „Ich sehe auch mein Dorf in der Türkei als mein Zuhause“, fügt sie hinzu, „obwohl ich mehr in Deutschland zuhause bin, weil ich hier aufgewachsen bin.“ Aber es ist komplizierter. Denn als Kurdin erfahre sie dort auch: „Geh' nach Deutschland, du gehörst hier nicht hin.“
Ibrahim Arslan hakt nach: „Wo ist unsere Heimat? Türkei oder Deutschland?“ - „Heimat ist da, wo man sich zuhause fühlt“, kommt ein vorsichtiger Vorschlag zurück. „Ist das so?“, fragt Arslan, selbst in eine Gastarbeiterfamilie hineingeboren, „kann ich mich hier zuhause fühlen – was denkst du?“
Vom Punkt Heimat zur Hautfarbe überleitend kommt Ibrahim Arslan auf die „unsichtbaren Schubladen“ zu sprechen. Wieder geht es um Klischees, die ursächlich für die häufig gestellte Frage nach der Herkunft sind: „Wirst Du gefragt, woher kommst Du?“, fragt Ibrahim Arslan einen der Schüler. Helle Hautfarbe, die Haare entsprechend... Und seine Antwort fällt erwartungsgemäß aus: „Äh, eigentlich nicht...“
Anders Ibrahim Arslans Erfahrungen. Er sei mit der Frage, woher er komme, regelmäßig konfrontiert. Wohl wissend, dass sein Aussehen Marke „Ausländer“ viel zu häufig den Grund für diese Frage liefere.
„Ich sage: Mölln“, gibt Arslan ein Beispiel für solche Begegnungen. Mit dieser Anwort gäben sich die Fragenden allerdings selten zufrieden. „Woher kommst Du genau? Ich meine Deinen Ursprung...“, folge dann meistens.
Es ist ein Problem, dass dem Heimatbegriff und dem Gefühl von „Zuhause“ zuwiderläuft. Das Problem mit dem Stereotyp „Ausländer“. Wegen des Aussehens. „Ja, ich bin auch Deutscher“, sagt Ibrahim Arslan und bringt an dieser Stelle den Begriff der Identitätskrise ein, „aber ich bin nicht weiß.“
Und es gibt viele, die es betrifft. Was ihre Frage anrichtet, berührt die Fragenden selten. Klar ist jedoch: „Wenn einer diese Frage stellt und weiß, es ist wegen des Aussehens - dann ist das rassistisch“, sagt Ibrahim Arslan dezidiert.
Das Problem mit dem Rassismus begegne ihm auch in Geschäften. „Das erste, was die Leute denken ist, ich klau' gleich etwas. Nur weil ich aussehe wie ich aussehe“, schildert Arslan, „so lernen wir das – schon in der Kita.“ Bestimmte Bilder aus dem Marketing tragen dazu bei, indem sie zielgerichtet mit Assoziationen spielen, deren sich die Konsumenten kaum bewusst sind. Bei einigen Eissortennamen zum Beispiel.
Arslan spielt ein Foto ein. Es ist ein namentlich beworbenes Eis mit dunklem Schokoladenüberzug. Der Sortenname fällt auf. Er ist tief rassistische Grundhaltungen zu bedienen imstande. Weil nur ein einziger Buchstabe getauscht werden müsste. Angesichts der dunklen Schokolade hat das Gehirn auch kein Problem damit, diesen Tausch für sich in Eigenregie zu erledigen, wie die Auftraggeber und Macher sehr wohl wissen. Der Rassismus brennt sich auch mit ihrer Hilfe weiterhin in den Köpfen ein. Latent. Nicht vordergründig. Aber wirkungsvoll.
„Gespräche dieser Art müssen geführt werden“, unterstreicht Ibrahim Arslan. Überall in der Gesellschaft. „In Afrika gibt es Strände, wo Schwarze nicht schwimmen dürfen. Nur Weiße.“
Nicht besser scheint das Thema in der Gastronomie verankert, zeigt Ibrahim Arslan mit einem weiteren Bild auf. „Schnitzel nach Art wandernder Menschen“, hat jemand auf seine Speisenkarte geschrieben – und mokiert sich darüber. Ein Kommentar erübrigt sich dazu.
In der Kirchen-Kunst ist der Rassismus ebenfalls in klischeehaften Bildern erkennbar: Jesus Christus als weißer Mann. Helles Haar, blaue Augen. „Wissenschaftlich erwiesen ist, dass Menschen zu Jesus Lebzeiten in Israel alle dunkelhäutig waren“, informiert Arslan die Schüler. „Stell' dir vor, er kommt bei Douglas rein und sieht so aus: Ich garantiere, er wird kontrolliert. So wie ich.“
Den Möllner Brandanschlägen folgte die Angst. „Ich bin nie wieder alleine zur Schule gegangen“, erzählt Ibrahim Arslan, „also sind wir immer mit fünf, sechs Jungs gegangen.“ Der Schutz in der Gruppe statt allein unterwegs zu sein, hatte aber auch einen Haken: „Wir waren alle gleich verdächtig“, erzählt er und fragt: „Was denken wir, wenn wir Gruppen migrantischer Jugendlicher sehen?“
Weitere Informationen: www.gegen-vergessen.de