„Der schwarze Trompeter von Plön“ feiert Papiertheater-Premiere
Großes Kino in der kleinen Johanniskirche
25.06.2026, 15:49 Uhr
Von:
Lotta Schneider
der reporter Plön/Preetz
Das Team vor der kleinen Papiertheaterbühne: Moritz Kröger, Michael Töpel, Anna Hasko und Stefan Guttke freuen sich auf gespannte Gäste am 4. und 5. Juli in der Johanniskirche. © hfr
Ein Afrikaner aus Ascheberg ist der Held seiner Geschichte: Autor Stefan Guttke hatte bei einem Besuch der kleinen Johanniskirche zu Plön die Grabplatte eben jenes Christian Gottliebs entdeckt, der 1690 dort bestattet wurde. Die Biografie, soweit bekannt, inspirierte Guttke zu einem Papiertheaterstück.
Nun ist das Werk reif für die Uraufführung am Begräbnisort selbst: Am Sonnabend, 4. Juli um 15 Uhr sowie um 18 Uhr und noch einmal am Sonntag, 5. Juli um 17.30 Uhr in der Johanniskirche. Statt des Eintritts wünschen sich die Veranstalter eine angemessene Spende zugunsten des Vereins Johanniskirche.
„Hier ruhet Gottlieb als ein Christ. Bedenck das End, der du dies liest, weil du gleich ihm auch sterblich bist."
Wenig erbaulich liest sich diese Message auf Christian Gottliebs Grabplatte. Galt sie jemandem Bestimmten? Jemand, der dem Verstorbenen gar nicht so wohlgesonnen war?
Gertrud, Christian Gottfrieds Frau, ist ebenfalls in der Johanniskirche beerdigt worden, eine Plönerin aus der Familie Radeleff. Wie kam dieses besondere Paar überhaupt zusammen?
Fragen wie diese haben Stefan Guttke bewegt, in die Geschichte tiefer einzutauchen, um daraus das Theaterstück zu entwickeln. Alle seine selbstentworfenen Figuren wird er hinter den gleichfalls selbstgestalteten Kulissen zu Leben erwecken – Guttke ist jenseits seiner eigentlichen beruflichen Tätigkeit unter anderem als Grafiker und Illustrator tätig und hat immer viel gezeichnet.
Die Musik zum Stück hat der Lübecker Musikwissenschaftler und Mitinitiator des Projektes Michael Töpel komponiert. Als Musiker werden die Lübecker Schülerin und Violinistin Anna Hasko und der Hamburger Trompeter Moritz Kröger aus Hamburg in der Johanniskirche in Aktion sein, jeweils begleitet von Michael Töpel an der Orgel.
In der kleinen Johanniskirche befindet sich das Grab des Trompeters. Und hier ist auch die Uraufführung des Theaterstücks. © Lotta Schneider
Kleine Bühne, kleine Kirche - großes Kino. „Es ist für mich das erste öffentliche Projekt dieser Art“, sagt Stefan Guttke, „aber privat spiele ich schon lange Papiertheater.“ Mehr als 20 Figuren habe er für die fünf Akte entworfen. Christian Gottlieb gleich mehrmals, „zum Beispiel, wenn neue Kleidung nötig ist“. Weitere sind etwa die Plöner Bürgermeisterfamilie Radeleff, des Trompeters Ziehvater Bertram Rantzau auf Gut Ascheberg, Hofmarschall Kuningham oder Herzogin Dorothea. Jedem Akt schließt sich ein Musikteil an.
Die Kunst des Papiertheaters ist an sich etwas Besonderes und seit 2021 als immaterielles Kulturerbe von der UNESCO anerkannt. Vor über 200 Jahren boomte sie, bis die Erfindung des Fernsehgerätes und anderer Medien sie in ihrer Beliebtheit allmählich zurückdrängte. Kulturfreunde wie Stefan Guttke pflegen sie weiterhin. Das Faible dafür kam nach einem Lübecker Stadtbummel vor vielen Jahren. „Wir haben damals in einem Buchladen ein Papiertheater gesehen“, erzählt er. Prompt kam es zum Kauf und zu ersten Aufführungen für die Kinder an Weihnachten und Silvester. Aus dieser Begeisterung an einem derart kreativen Spiel entstanden dann auch eigene Produktionen, etwa zu Themen wie Shakespeare und Freischütz.
Das Papiertheater: „Bei uns in der Familie ist das ganz lebendig“, sagt Stefan Guttke. Reizvoll sei daran, dass sich viel darin vereine: „Man ist Autor, Schauspieler, Regie und Zeichner“, macht er deutlich. Dabei sei es Aufgabe des Zeichners, die Charaktere zu entwickeln und häufig entwickele sich bereits beim Schreiben ein besonderes Verhältnis zu den gezeichneten und gemalten Figuren. „Für mich sind das kleine Schauspieler“, verdeutlicht er seinen Blick darauf. Eben das verbindet sich mit einer bemerkenswerten Aufgabe, die der Zeichner in seiner Vorstellung von der jeweiligen Rolle lösen muss: „Die können sich nicht verändern, das heißt, der Charakter muss in dieser einen Haltung, in diesem Ausdruck zu sehen sein.“ Grundlage dafür sei zunächst die intensive Auseinandersetzung mit dem Stoff. Aus der Geschichte entstehe ein Arbeitsprozess: „Der Film von innen dringt beim Machen nach draußen.“
Die Bühnenbilder des Papiertheaters hat Stefan Guttke gestaltet. © hfr
Die ganze Geschichte hat eine historische Grundlage. Doch ein Theaterstück braucht auch die Emotionen. Die lassen sich anhand der überlieferten Fakten erahnen: Es ist die Zeit des Sklavenhandels einschließlich der Gräuel gegenüber versklavten Menschen. Da wird ein Kind verschleppt. Der kleine Junge gelangt aus Afrika nach Ascheberg. Von Bertram Rantzau auf Ascheberg (1614 – 1686) wird er dort als Ziehkind aufgezogen und unter dem Namen Christian Gottlieb getauft. Ausgebildet als Trompeter, gehörte er später einer angesehenen Zunft an und heiratete sogar die Tochter des Bürgermeisters. Das Paar hatte sich zuvor heimlich verlobt.
Christian Gottlieb war trotz seiner dunklen Hautfarbe ein freier Mann im Plöner Herzogtum. Trotzdem machen ihm die Zeitgenossen das Leben schwer. Wie stand es also um Akzeptanz und Integrität? Für Stefan Guttke spannt eben diese Frage den Bogen über 350 Jahre in die Gegenwart, in der er sich fragt: „Wie integrativ sind wir denn alle?“
Damals und Heute im Vergleich: Sind wir wirklich integrativer?
Diese Frage muss sich auch Bertram Rantzau gestellt haben, der sich um seinen Schützling sorgte. „Auch gegen seine Familie hat er sein ganzes Leben zu dem Jungen gestanden und er hat die Ehe ermöglicht“, sagt Stefan Guttke, „Hut ab - der Mann hatte Zivilcourage.“
Elisabeth Radeleff, die Schwiegermutter, änderte ihre negative Einstellung. „Anfangs hat sie ein Riesenproblem mit dem Trompeter gehabt.“ Später jedoch habe sie gemeinsam mit dem Schwiegersohn die Geschäfte um eine gemeinsame Plöner Mühle geführt. „Sie haben sich verstanden“, sagt Guttke, „und sie ist nachher sogar für ihn eingetreten.“
Diese Beispiele deuten darauf, dass die auf der Grabplatte eingravierte Schrift durchaus von doppelbödiger Bedeutung sein könnte. Zu beachten ist auch, dass Christian Gottlieb seinen besorgten Ziehvater um nur vier Jahre überlebte.
In großer Sorge um seinen Ziehsohn: Bertram Rantzau
Der Plöner Bürgermeister Johannes Kinder sah rund 200 Jahre nach dem Tod des Trompeters Archivalien durch und schrieb 1887 die sogenannte „Mohrensage“ auf. Auch das „Neustädter Todtenregister“ fand sein Interesse. Es handelte sich um das Sterberegister jenes Plöner Stadtteils, der unter Herzog Hans Adolf mit den Straßen Hans Adolf Straße und Johannisstraße nebst dazugehöriger Johanniskirche im 17. Jahrhundert extra neu angelegt wurde. Und Christian Gottlieb war offenbar der erste, der dort bestattet worden ist. So zitiert Bürgermeister Kinder im Urkundenbuch zur Chronik der Stadt Plön aus dem „Todtenregister“: „Christian Gottlieb, Trompeter allhier, ein Mohr, ward als am dritten Pfingsttage in unserer Kirche und zwar als die allererste Leiche in derselben, mitten im Gange ordentlich und öffentlich begraben, 1690.“ Das war Pfingstmontag, den 5. Juni.
Auch die Freiheit Christian Gottliebs ist nach Johannes Kinders Angaben erst für das Jahr 1684 verbrieft. Demnach lebte der Afrikaner bis zu seinem Tod sechs Jahre lang ganz offiziell als freier Mensch. Sein Missgunst vorausahnender Ziehvater Bertram Rantzau hat sich daher verpflichtet, so zitiert ihn Kinder, „dass alles das, was Ich Ihm verehret und geschenket, damit er sein ehrliches Auskommen haben möge, weder Ich selbsten noch meine Erben und Erbnehmer das geringste nicht mehr Macht darinnen haben sollen, solches zu fordern. … So geschehen Aschebergk, den 4. Oktober Anno 1684. Bertram Rantzow.“
Vorurteile und Zivilcourage sind Themen auch der heutigen Zeit. Autor Stefan Guttke hat sie in dem Stück gegenübergestellt. Verständnis zu entwickeln, ist sein Credo.