„Es reicht!“: Protest gegen soziale Kälte
29.08.2026, 14:04 Uhr
Von:
Volker Graap
der reporter Eutin/Malente
Sozialabbau, Rente mit 70, Angriffe auf Arbeitnehmerrechte und steigende Preise: Rund 50 Menschen haben am vergangenen Montag auf dem Eutiner Marktplatz gegen eine aus ihrer Sicht zunehmende soziale Kälte protestiert. Der von einem Aktionsbündnis organisierte Protest unter dem Motto „Es reicht!“ reiht sich in eine Kampagne von Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie linken Gruppen und Parteien ein, die bundesweit die von der Bundesregierung geplanten Reformen im sozialen Bereich anprangern. „Wir wollen nicht nur rumnörgeln, sondern konstruktive Kritik üben und auf Missstände aufmerksam machen.
Was nicht geht, ist das Treten nach unten: Das Problem liegt nicht bei den Schwachen der Gesellschaft, sondern bei der Umverteilung von unten nach ganz oben“, sagt Gewerkschafter Kai Neumann und betont: „Wir wollen der sozialen Kälte entgegentreten!“
Wir, das ist ein Zusammenschluss, dem die Gewerkschaft ver.di, die Care-Gewerkschaft, die Aktion „Bündnis Ostholstein für Weltoffenheit und Vielfalt“, das „mitten-drin Netzwerk Ostholstein“, die Jusos Ostholstein, die Links-Jugend, die Kreisverbände von Grünen und Linke, die Süseler SPD und das Kinokollektiv Ostholstein angehören. Sie alle wollen die im Raum stehenden Einschnitte nicht einfach widerstandslos hinnehmen. Und sie fordern, das Leben wieder bezahlbar zu machen. „Die zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft ist schädlich für die Demokratie und fördert Rechtsextremismus“, so Neumann. Dabei gäbe es mit der Vermögenssteuer und der Erbschaftssteuer Instrumente, sich das Geld dort zu holen, wo es vorhanden ist – „statt beim Sozialstaat zu streichen“, meint Neumann. Und Linken-Kreissprecher Jan Rowedder wird noch deutlicher: „Man muss sich die Kohle von den Milliardären holen und stärker gegen Steuerhinterziehung vorgehen, hier gehen dem Staat Einnahmen in Höhe von 100 Milliarden Euro pro Jahr verloren.“
Spontan ans Rednerpult ging Susanne Quentmeier. Sie ist Respekt-Coachin an der Kreisberufsschule und ist entsetzt, dass dieses Programm zur Demokratieförderung zum Jahresende ganz wegfallen soll. Gegen die ersatzlose Streichung des Projekts wurde bereits eine Petition gestartet. „Unsere Hoffnung ist aber nicht mehr groß, dies abwenden zu können“, bringt sie ihre Enttäuschung über die Große Koalition zum Ausdruck. Ähnlich geht es Ole Geberbauer, Landeskoordinator der Juso-Hochschulgruppen. Er kritisiert die Verschleppung der BAföG-Erhöhung. Gerade Studenten hätten mit den steigenden Lebenshaltungskosten und Mietsteigerungen zu kämpfen. „Studieren ist mittlerweile so teuer, dass längst nicht mehr alle, die es wollen, es sich leisten können. Wer am Bildungssektor spart, spart an der Zukunft“, so Geberbauer.
Diesen Protest an einem symbolträchtigen Montag zu organisieren – in den letzten Jahren sorgten von Rechtsextremisten orchestrierte Montagsdemos und von Coronakritikern durchgeführte Montagsspaziergänge für Schlagzeilen –, erklären die Veranstalter so: „Wir lassen uns diesen Wochentag nicht von Schwurblern wegnehmen“, zeigt Kai Neumann klare Kante.
Am 26. September mobilisiert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zu einer landesweiten Großdemonstration auf dem Kieler Rathausplatz, die um 11.55 Uhr startet. Dort lautet das Motto dann „Hände weg vom Sozialstaat!“.