„Es war uns eine Ehre…“
Die Erfolgsgeschichte des „lütten Lenters“ ist vorbei
01.07.2026, 05:26 Uhr
der reporter Eutin/Malente
Die Fahrerinnen und Fahrer der ersten Stunde freuten sich auf den Start des „lütten Lenters“ am 9. Januar 2017. © hfr
Es brauchte viel Überzeugungskraft und eine Menge Vorbereitungen, bevor Holger Bröhl am 9. Januar 2017 mit dem Bürgerbus die allererste Schleife durch die Gemeinde Malente fahren konnte. Es war eine Fahrt, die nicht pünktlich um 9.17 Uhr beginnen konnte, da sie von einem NDR-Fernsehteam begleitet wurde, das den Zeitplan gehörig durcheinander brachte. Es war aber auch eine Fahrt, mit der trotz einiger Widrigkeiten, die im Laufe der kommenden Jahre auf den Bürgerbus noch zukommen sollten, eine Erfolgsgeschichte begann.
Zur Kommunalwahl am 26. Mai 2013 hatte die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ die Absichtserklärung in ihr Wahlprogramm aufgenommen, einen Bürgerbus für die Gemeinde Malente zu etablieren. Um dieses Versprechen einzulösen, fand sich abseits der Politik in dem neu gegründeten Verein BürgerBus Malente e.V. eine Gruppe zusammen, die die Absicht in die Tat umsetzen wollte.
Über zweieinhalb Jahre mussten etliche bürokratische Hürden aus dem Weg geräumt werden, bevor der Bürgerbus, der durch Mittel der Aktiv Region Holsteinische Schweiz, dem Kreis Ostholstein und der Gemeinde Malente finanziert und auf den Namen „de lütten Lenter“ getauft wurde, endlich an den Start gehen konnte. „Wir hatten damals kalkuliert, dass wir etwa 15 Fahrerinnen und Fahrer brauchen, um den Betrieb gewährleisten zu können. Zu unserer großen Freude fanden sich jedoch 21 Ehrenamtliche, sodass jeder in der Regel nur alle 14 Tage fahren musste“, erinnert sich der Sprecher des Vereins, Michael Winkel, an die Anfangszeit.
Die Jungfernfahrt wurde vom NDR begleitet. Zuvor stand Michael Winkel Rede und Antwort. © hfr
Eine Besonderheit war, dass die Fahrgäste kostenlos befördert wurden. „Hätten wir ein Fahrgeld erhoben, hätte der Verein einen Vertrag mit dem damaligen Anbieter des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) eingehen müssen, da die NOB die exklusive Konzession für den Busbetrieb im Kreis hatte. Für den Verein waren die geforderten Bedingungen und damit ein Vertrag mit der NOB jedoch inakzeptabel. So ist es bis heute bei der Spendendose im Bus geblieben“, erklärt Winkel.
In der Gemeinde Malente wurde „de lütte Lenter“ schnell zu einem anerkannten Markenzeichen. Bereits 2018 wurden die Fahrerinnen und Fahrer von dem „Ostholsteiner Anzeiger“ zu den „Menschen des Jahres“ gekürt. 2020 ging der Bürgerpreis der Gemeinde an den Verein BürgerBus Malente e.V., der diesen allerdings bedingt durch Corona erst ein Jahr später in Empfang nehmen konnte. „Die Pandemie war für den Bürgerbus ein großer Einschnitt. Noch 2019 hatten wir mit fast 7.000 Fahrgästen ein sensationelles Ergebnis. In den beiden folgenden Corona-Jahren waren es dann jeweils nur etwa 1600“, stellt der Vereinssprecher rückblickend fest und ergänzt, dass es auch durch Werkstattaufenthalte einige Einbrüche gab. Aber die Zahlen können sich trotzdem sehen lassen und sie unterstreichen, wie sinnvoll die Ergänzung für den ÖPNV durch den Bürgerbus war: In neuneinhalb Jahren wurden gut 44.000 Fahrgäste befördert. Dabei legte „de lütte Lenter“ rund 350.000 Kilometer zurück und hat somit vergleichsweise 8,7 Mal den Äquator komplett befahren.
„Wir waren ja auch auf den Wegen unterwegs, auf denen ein normaler Linienbus nicht fährt. Regelmäßig hatten wir zum Beispiel Fahrgäste in Rachut, Drögendiek und Kreuzfeld, die ohne den Bürgerbus nicht nach Malente zum Arzt oder Einkaufen gekommen wären. Und die Dankbarkeit der Menschen war für die ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer immer das Größte und sozusagen der erfreulichste Lohn“, weiß Winkel zu berichten.
Viele Ehrenamtliche sind neuneinhalb Jahre dem Bürgerbus treu geblieben, einige sind dazu gekommen. © hfr
Mit aller Kraft hat der Verein BürgerBus Malente e.V. für den Erhalt des „lütten Lenters“ gekämpft, aber nun steht am Dienstag, 30. Juni, seine allerletzte Fahrt an. Es wird wiederum Holger Bröhl sein, der um 16:08 Uhr mit dem Bürgerbus von der Haltestelle am Bahnhof zur letzten Schleife durch die Gemeinde Malente aufbricht. Ein Fernsehteam wird dieses Mal sicher nicht dabei sein, wenn dann die Erfolgsgeschichte dem Rotstift zum Opfer gefallen ist und selbst Geschichte sein wird. „Uns Fahrerinnen und Fahrern war es jedenfalls eine Ehre, dass wir die Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Malente neuneinhalb Jahre zu ihren Zielen bringen durften“, blickt Michael Winkel auf die Zeit zurück und hofft, dass die Lücke, die der Bürgerbus hinterlässt, durch den ÖPNV so gut wie möglich geschlossen werden kann.
Der Unfall am 13. Mai 2023 hatte den „lütten Lenter“ völlig aus der Bahn geworfen. © hfr