Siegfried Minks und Karl-Heinz Mielke aus Liensfeld verbindet die Geschichte eines Traktors
Der „Güldner“, der nie in Rente ging
06.08.2026, 06:24 Uhr
der reporter Eutin/Malente
Was unternimmt ein hart arbeitender Landwirt gegen frühes abendliches Einschlafen auf dem Sofa? Ganz einfach: Er hört auf seine Frau und sie kaufen sich einen Traktor der Marke „Güldner“. So geschehen vor 71 Jahren im Frühsommer 1955 bei der damaligen Landmaschinen-Firma Hans Habetha in der Weidestraße 48 in Eutin. Die Protagonisten: Landwirt Wenzel Minks und seine Frau Elisabeth aus Liensfeld sowie deren Sohn Siegfried Minks (heute 79) und Karl-Heinz „Kalle“ Mielke (88), damals bei Habetha noch Lehrling im zweiten Lehrjahr zum Landmaschinenmechaniker. Beide vereint heute ihre schöne Heimat Liensfeld und die unabdingbare Liebe zum Güldner, der mittlerweile auch 71 Jahre auf dem Buckel hat.
Anfang 1955 trifft Elisabeth Minks eine für ihr weiteres Leben mit Ehemann Wenzel wohl wichtige Entscheidung. Damit der Landwirt von der zehrenden Feldarbeit auf den vier Hektar Acker und der Versorgung von vier Kühen abends nicht mehr so schnell auf dem Sofa einschläft, empfiehlt Fachmann Hans Habetha den Kauf des zweiachsigen Güldners. Kostenpunkt des Kraftpaketes: 5.000 Mark – viel Geld zu damaliger Zeit. Bis 1955 war Wenzel Minks noch mit dem Pferd auf dem Acker unterwegs. Der neue Traktor soll nun das Pflügen, die Heuernte und vieles mehr vereinfachen.
Eigentlich hatte sich Wenzel Minks zunächst auf einen Einachser zur Arbeitserleichterung fokussiert. Doch der Vorschlag von Landmaschinenhändler Habetha, mit sicherem Blick in die Zukunft den Güldner für ein besseres Familienleben zu wählen, überzeugt Elisabeth Minks sofort. Das mittlerweile historische Gefährt war bis Ende der 1990er-Jahre im landwirtschaftlichen Gebrauch und hat noch heute durch die Pflege von Siegfried Minks Bestand.
Der Güldner hat sowohl das Ehepaar Minks als auch seinen heutigen Fahrer Siegfried Minks und Meisterschrauber Kalle Mielke für ein Leben lang verbunden und ist damit schnell zum Familienmitglied geworden. Bereits mit acht Jahren darf Siegfried Minks ihn auf dem Acker fahren. Als 17-jähriger Lehrling überführt Kalle Mielke den Güldner. Vom Zentrallager in Bargteheide geht es sechs Stunden nach Eutin und später weiter nach Liensfeld. Vorher hatte Mielke den Güldner noch beim damaligen Kreis Eutin zugelassen.
Wenzel Minks und Kalle Mielke zimmern gemeinsam auf einer Wiese in Liensfeld einen Schuppen zusammen, in dem der Güldner seinen Platz finden soll. Doch als Kalle Mielke den nagelneuen Güldner in Liensfeld ganz langsam in den Verschlag fährt, passiert das Unglück: Der 17-jährige Lehrling stößt mit dem Kopf gegen einen Querbalken am Dach, rutscht mit dem Fuß von der Kupplung und verliert die Kontrolle über den Traktor. Der Güldner schießt förmlich mit ihm zusammen durch die Garage und durch eine Bretterwand wieder nach draußen. Mielke: „Es passierte uns beiden Gott sei Dank nichts Schlimmeres – außer einer Beule am Kopf.“
„Es war die Standardausführung von Güldner, die 1955 angeboten wurde und im Bretterschuppen stand“, ergänzt Siegfried Minks: 850 Kubikzentimeter, zwölf PS mit Differenzialsperre. Heute hat ein moderner Aufsitzrasenmäher mit 15 PS mehr Kraft als der historische und liebevoll in Schuss gehaltene Güldner. Damals war der Güldner in Liensfeld schnell als modernes Gerät begehrt, fuhr er doch gleich eine Kartoffeldampfmaschine für die Schweinehalter nach Thürk, was bis dahin ein alter Bulldog mit Vollgummireifen erledigt hatte, erinnert Minks.
Und Feuer gefangen hatte der Güldner auch schon. Damit er bei Kälte besser anspringt hatte, Wenzel Minks vor vielen Jahren versucht, den Motor mit brennendem Öl unter dem Motorblock zu erwärmen. „Das ging komplett schief“, erinnert sich Kalle Mielke. Der Güldner wurde wieder aufgebaut, hat heute mittlerweile mehrere 1.000 Betriebsstunden hinter sich. Motorhaube und Schutzbleche sind im Laufe der Jahrzehnte erneuert und lackiert worden. Zum 70. Geburtstag gab es vor einem Jahr erstmals neue Vorderreifen. Die übliche Untersuchung beim TÜV ist selbstverständlich. Siegfried Minks: „Und heute springt er reibungslos an.“
Das ist auch nicht ganz unwichtig. Denn der Güldner wird in Liensfeld noch gebraucht – nicht in der Landwirtschaft, da gibt es mittlerweile weitaus modernere Geräte. Der Güldner hat viele Jahre den Mitgliedern des „Original Liensfelder Lottoklubs“ als Gefährt für die Vatertagstour durch die Liensfelder Umgebung zur Verfügung gestanden. Heute besucht Siegfried Minks mit seinem Güldner die Trecker-Treffen in Hutzfeld und Süsel oder ist bei gelegentlichen Ausfahrten durch die Gemeinde Bosau zu sehen. „Und jetzt hat der Güldner noch eine letzte große Aufgabe, für die er immer bereitgehalten wird“, lacht Siegfried Minks. „Wenn der Lottoklub sechs Richtige hat, dann fahren die Mitglieder mit dem Güldner ins ,Moulin Rouge’ nach Paris!“