Österreicherin untersucht Einfluss von Großprojekten auf die Gesellschaft

Der Fehmarnbelttunnel im Alltag

24.07.2026, 18:04 Uhr
Fehmarnsches Tageblatt

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Ute Hablesreiter forscht auf beiden Seiten des Fehmarnbelts zur sozialen Wirkung von Großinfrastrukturprojekten, hier am Aussichtspunkt Puttgarden.

Ute Hablesreiter forscht auf beiden Seiten des Fehmarnbelts zur sozialen Wirkung von Großinfrastrukturprojekten, hier am Aussichtspunkt Puttgarden. © Eckhard Kretschmer

Sie kommt aus Oberösterreich, lebt seit 1993 in Wien und ist seit 2024 regelmäßig auf Fehmarn und Lolland unterwegs: Ute Hablesreiter erforscht für ihre Doktorarbeit, wie Menschen mit dem Bau des Fehmarnbelttunnels leben. Dafür hat sie bereits mehr als 120 Interviews geführt – und sucht weitere Gesprächspartner.

Die Fähre gehört für sie zum Urlaub dazu. Genau wie die Fahrt über die Fehmarn- sundbrücke mit Blick auf die Ostsee. Doch Ute Hablesreiter ist nicht als Touristin auf der Insel. Die Kultur- und Sozialanthropologin promoviert an der Universität Wien. Ihr Thema: Wie verändern große Infrastrukturprojekte Gesellschaften? Wie leben Menschen mit einer Baustelle, die den Alltag über Jahre prägt? Für ihre Dissertation hat sie sich den Fehmarnbelttunnel ausgesucht. Seit Anfang 2024 ist sie bis heute fast 20 Mal auf beiden Seiten des Belts gewesen – auf Fehmarn und auf Lolland. Was als Idee ihres Professors begann, ist für sie zu einem Langzeitprojekt geworden.

Hablesreiter kommt eigentlich aus dem Mühlviertel in Oberösterreich, lebt aber seit 1993 in Wien. Beruflich leitet sie dort eine Abteilung der Stadt Wien im sozialen Bereich, zuständig für Förderungen von Heimen und Behindertenhilfe. Das Studium der Kultur- und Sozialanthropologie absolviert sie im zweiten Bildungsweg mit viel Engagement und mit eigenen Mitteln neben ihrem Beruf. Mit Infrastruktur hat sie sich bereits in ihrer Masterarbeit beschäftigt, damals am Beispiel eines großen Projekts in Wien. Der Gedanke dahinter: Schon die Römer hätten mit ihren Straßen Gesellschaften verändert. Das tue man heute auch.

Auf den Belttunnel brachte sie ihr Professor. Norwegen, Schweden, Finnland und der Tunnel als Teilstück der Nord-Süd-Achse bis ans Mittelmeer sei, so Hablesreiter, viel mehr als ein reines Verkehrsprojekt. Dass es auch näher an Wien liegende Tunnel gäbe, etwa den Brennerbasistunnel, weiß sie. Aber es zog sie zur größten Infrastrukturbaustelle Nordeuropas.

Hablesreiter: Stimmung gespalten bis skeptisch

Inzwischen hat Hablesreiter 75 bis 80 persönliche Interviews auf Fehmarn und weitere 40 bis 50 auf Lolland und in anderen Teilen Dänemarks geführt. Sie spricht mit Pendlern, Beschäftigten aus Tourismus, Landwirtschaft und Bau, mit Mitgliedern von Bürgerinitiativen wie den Beltrettern, mit Befürwortern, mit Skeptikern. Die Stimmung, sagt sie im Gespräch, sei nach wie vor gespalten, tendenziell eher skeptisch. Vor allem die Bauphase mache Angst. Das Bild der Zukunft werde in ihrer Umfrage dagegen deutlich neutraler. Ihr Ansatz ist bewusst offen. Sie wolle nicht bewerten, ob der Tunnel komme oder nicht. Er kommt. Sie wolle verstehen, was er mit dem Alltag macht. Was es bedeutet, wenn Bäume verschwinden, wenn die Verbindung von Landkirchen zum Sund nicht mehr selbstverständlich ist, wenn Wohnraum knapp wird, weil Ferienwohnungen an Fachkräfte vermietet werden.

Weber: Bauzeit das eigentliche Problem

Für Hablesreiter ist das Interview im Rathaus ein Puzzleteil von vielen. So wie das Gespräch mit einer Campingplatzbetreiberin in Wallnau oder mit Anwohnern in Rødby, wo sie sich, wie sie erzählt, anfangs wie in einer Geisterstadt gefühlt habe und heute „blühende Landschaften“ sehe.

Gerade dieser Kontrast zwischen den beiden Seiten des Belts interessiert sie. Warum wird das Projekt auf Lolland deutlich positiver gesehen als auf Fehmarn? Liegt es an der Vorgeschichte? Hier eine touristisch gesättigte Insel, dort eine strukturschwache Region? Oder an strukturellen Fragen wie Bürokratie und Beteiligung?

Für ihre Arbeit sucht Hablesreiter weiterhin Menschen, die bereit sind, bei ihrem nächsten Besuch am Belt ihre Geschichte zu erzählen – auf deutscher wie auf dänischer Seite, auf Fehmarn und Lolland, im Hinterland ebenso wie direkt an der Trasse. Wer bereit ist, darf sie gerne unter tunnel.befragung@utha.at kontaktieren. Mittlerweile ist sie wieder sicher in Wien gelandet. Viele Stunden sorgfältige Auswertung liegen vor ihr, bevor sie das nächste Mal ihr Forschungsobjekt besuchen wird.

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