Sandra Schröder und Frederik Lauwen wollen Hilfsangebote besser vernetzen

Demenz im Kreis Plön: „Erinnerungshafen“ unterstützt Angehörige

09.08.2026, 11:03 Uhr
Von:
der reporter Plön/Preetz, der reporter Oldenburg, PROBSTEER

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Frederik Lauwen und Sandra Schröder stellen Flyer des Projekts Erinnerungshafen vor.

Frederik Lauwen und Sandra Schröder stellen Flyer des Projekts Erinnerungshafen vor. © Markus Münch

Viele Familien bemerken im Alltag erste Anzeichen einer Demenz ihrer Angehörigen zwar früh, schieben sie aber lange beiseite. Das Projekt „Erinnerungshafen“ im Kreis Plön will helfen, bevor Überforderung zur Dauerbelastung wird.

Am Anfang ist es oft nur ein Satz. „Ach, der ist ein bisschen tüdelig geworden.“ Oder: „Das kriegen wir schon hin.“ Viele Familien versuchen lange, den Alltag allein zu stemmen. Eine vergessene Verabredung, ein Herd, der anbleibt, eine Frage, die zum dritten Mal gestellt wird. Doch irgendwann geht es nicht mehr. Angehörigen wächst die Belastung über den Kopf. „In der Regel kommen Familienmitglieder und Bezugspersonen erst, wenn sie überfordert sind“, sagt Sandra Schröder. Sie leitet das Projekt „Erinnerungshafen“ im Kreis Plön. Es richtet sich an Menschen mit Demenz, die vor allem zu Hause leben, an ihre Angehörigen und an Interessierte. Mit im Boot ist Frederik Lauwen, der das Projekt kaufmännisch leitet. Beide arbeiten hauptberuflich im Haus St. Anna, einem Seniorenzentrum der Deutsch Ordens Altenhilfe in Raisdorf. Den dort angegliederten Erinnerungshafen betreuen sie zusätzlich. Mit dem Projekt unterstützen sie Angehörige, vernetzen bestehende Angebote im Kreis Plön, organisieren Veranstaltungen, etwa mit den Tieren des Hof Lichtblick in Nettelsee, und bieten einen Stammtisch in Raisdorf an.

Erinnerungshafen als eingängiges Wortspiel

Der Name „Erinnerungshafen“ ist bewusst gewählt. Ein Hafen steht für Schutz, für einen Ort, an dem man festmachen kann. „Wegen der Nähe zum Meer lag das nahe“, erzählt Schröder. „Außerdem steckt darin ein schönes Wortspiel“, schmunzelt Lauwen. Die Anfänge reichen zurück bis ins Jahr 2020. Damals entstand bereits ein lokales Netzwerk. Das soll nun erweitert werden. „Es gibt zwar viele gute Angebote“, sagt Schröder. „Das Problem ist aber, dass nicht alle Akteure gut miteinander vernetzt sind.“ Genau da wollen sie und Lauwen ansetzen. Sie wollen sichtbar machen, was es bereits gibt, wer helfen kann und wo noch Lücken sind, vor allem in Sachen Mobilität und Betreuung. „Die üblichen Verdächtigen haben wir natürlich im Blick“, so Schröder. Sie vermutet aber, dass es gerade in kleineren Orten noch Initiativen oder Gruppen gibt, die sich auf irgendeine Weise um Menschen mit Demenz kümmern. Durch den Schritt in die Öffentlichkeit hoffen Schröder und Lauwen, diese Angebote zu finden. „Wir sind hier sehr offen“, betont die Projektleiterin.

Julia Hertz-Kleptow leitet den regelmäßigen Stammtisch.

Julia Hertz-Kleptow leitet den regelmäßigen Stammtisch. © HFR

Demenz ist nicht gleich Demenz. Es gibt zwar Diagnosen mit ähnlichen Symptomen. Im Alltag gleicht trotzdem keine Herausforderung der anderen. „Jeder Fall ist individuell“, berichtet Schröder. Was dagegen immer zählt, ist die Würde. „Oberste Priorität hat, Menschen mit Demenz dabei zu unterstützen, möglichst selbstbestimmt, sicher und sozial eingebunden zu leben.“ Klingt einfach, doch im Alltag ist das schwer. Deutlich wird das beim Angehörigen-Stammtisch, der jeweils am letzten Donnerstag im Monat von 16.30 bis 18 Uhr in der Apotheke am Bahnhof in Raisdorf stattfindet. Dort geht es um Fragen, Sorgen, Scham, Erschöpfung und Situationen, die man nicht mal eben zwischen Tür und Angel erzählt. Denn Demenz verändert nicht nur Erkrankte. Sie verändert Familien. „Im Verlauf einer Demenz können sich Verhalten, Kommunikation und emotionale Reaktionen deutlich verändern“, erzählt Schröder. Gerade für Ehepartner ist das schwer auszuhalten. Der Mensch ist noch da, aber vieles ist anders. So kommt es etwa zu Rollenkonflikten, wenn der Mensch mit Demenz seine Ehefrau nicht mehr erkennt und vertraute Ausdrucksmuster und gemeinsame Beziehungsmuster sich verändern.

Scham und Schuldgefühle spielen eine große Rolle

Dabei spielt auch Scham eine Rolle. Beispielsweise wenn ein Mensch mit Demenz sich in der Öffentlichkeit auffällig verhält und andere starren oder den Kopf schütteln. Für Familienmitglieder können solche Momente bitter sein. Sie wissen, dass der Mensch nichts dafür kann. Trotzdem müssen sie mit den Blicken umgehen. Beim Stammtisch geht es deshalb auch darum, für diese Herausforderungen Wege zu finden. Schröder nennt ein Beispiel: Jemand sieht Insekten an der Wand hochlaufen. Dann bringe es nichts, immer wieder zu sagen, dass dort keine Käfer seien. „Wir empfehlen dann, die Wahrnehmung des Menschen mit Demenz ernst zu nehmen und nicht auf einer Korrektur zu bestehen“, erklärt sie. Man könne etwa sagen, dass man sich kümmere und einen Kammerjäger beauftrage. Vorrang hat, den Menschen nicht bloßzustellen und einen Konflikt nicht noch größer zu machen.

Bei all dem spielen auch Schuldgefühle eine große Rolle, gibt Schröder zu bedenken, „weil man den Bedürfnissen der Betroffenen einfach nicht immer gerecht werden kann.“ Deshalb sei eine Botschaft wichtig: „Du bist gut genug.“ Und auch: Es ist in Ordnung, sich Unterstützung zu suchen. Genau dafür ist der Erinnerungshafen da.

Das Angebot ist kostenlos und wird von den Krankenkassen gefördert. Angehörige, Betroffene und Interessierte können sich unter Telefon 04307-907222 oder per E-Mail an Sandra.Schroeder@deutscher-orden.de melden. Flyer und Termine liegen unter anderem bei Ärzten, Apotheken und weiteren Gesundheitseinrichtungen aus.

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