Pastoralreferent Michael Veldboer und Journalist Michel Abdollahi über Rassismus und Resilienz
Church goes Pub: Mit Wut und KI für die Demokratie
28.09.2026, 17:23 Uhr
Von:
Lotta Schneider
der reporter Plön/Preetz
Schummriges Kerzenlicht, klingende Gläser, Lachen, Küchengeklapper im Duett mit dem zischenden Zapfhahn. Schließlich Stille und ein musikalischer Auftakt. Kneipengemütlichkeit im Plöner Schlossgebiet 1, der Alten Schwimmhalle. Dann eröffnet Pastoralreferent Michael Veldboer seine Talkrunde der Reihe Church goes Pub der Pfarrei St. Vicelin. Promi-Gast ist an diesem 24. September der Hamburger Journalist und Moderator Michel Abdollahi.
Und wie man es bei diesem Format erwarten darf, stehen an dem gemütlichen Pub-Abend ziemlich ungemütlich-aktuelle Themen auf der Agenda. Allen voran die existenzielle Frage: Entfaltet der Weckruf nach Wachsamkeit gegenüber antidemokratischen Kräften, gestützt von einem Grundgefühl durchaus berechtigter Wut, die nötige Wirksamkeit und den kollektiven Verteidigungswillen zum Schutz unseres Rechtsstaats?
Michel Abdollahi kennt das Thema Rechtsprechung aus dem Effeff, hat Jura und Islamwissenschaften studiert. Er ist beruflich vielseitig unterwegs: Als Journalist und Autor. Als Maler und Fernsehmoderator. Als Performancekünstler, Poetryslammer und Conférencier. Und er hat als Deutscher iranischer Herkunft die unzähligen Facetten von Rassismus hierzulande zu spüren bekommen. Einem Rassismus, der die Demokratie und den Rechtsstaat bedroht.
Es ist ein Denken, das jedwede Integration vergeblich erscheinen lässt. Dies auch mit Blick auf die Repressalien und Rassismus jenseits des Großen Teichs durch die Trump-Regierung. Deren rechtsextremer Ausschlag hat Schule gemacht, schält Abdollahi im Gespräch mit Veldboer heraus. „Und jetzt stehen wir hier und sind ganz betroffen...“
Es gibt jedoch auch Hoffnung, macht Abdollahi deutlich. Denn die Impulsenergie von Wut könne durchaus Veränderungen im Leben bewirken, laut Konsens wissenschaftlicher Ergebnisse. „Ich habe mit vielen Psychologen darüber gesprochen - also müssen wir alle heute Abend hier wütend rausgehen – ich möchte nicht, dass die uns unser Land wegnehmen.“
Rassisten brauchen eine kristallglasklare Absage
Michael Veldboer hat seine Wurzeln in den Niederlanden und als Junge ebenfalls Erfahrungen mit ausgrenzendem Verhalten in Deutschland gemacht, die sich ihm tief eingebrannt haben. Als eines Tages die wüste Verunglimpfung durch einen Gruppenleiter in der gewollt verletzenden Herabsetzung „Ihr seid hier nur Gastarbeiter!“ gipfelte, „habe ich ihn umgehauen“, erinnert er sich. „Ich war wütend!“ Nicht etwa abstrafend, sondern Rücken stärkend reagierte sein Vater: „Junge! Das hast du gut gemacht!“ Und meinte damit nicht einen Freifahrtschein für Handgreiflichkeit, sondern einer mutigen Haltung bezüglich des Verursachers: Rassisten brauchen eine kristallglasklare Absage. Und: Wut tut gut.
„Die Art und Weise, was sich Menschen heutzutage rausnehmen, ist nur noch ausgrenzend“, empört sich Veldboer und spielt auf Prominente in der Politik an. Warum es aber mit Rassismus überhaupt soweit kommen konnte, will Michel Abdollahi nicht dieser angedeuteten Partei allein zuschreiben. Alle hätten „Mist“ gemacht. Und: „Wir werden nichts gewinnen, wenn wir uns nicht mit den Fehlern und Missständen zuwenden, die wir machen.“
Es sind viele Fehler: Als Beispiel nennt er das Problem, dass Bundesbürger keine Ärzte mehr fänden. „Ich verstehe aber auch nicht, warum einige sofort einen Termin in einer Praxis kriegen, aber andere nicht“, führt er weiter aus. Selbst wenn ein wichtiger Grund vorläge, erhielten viele Patienten häufig erst nach Monaten einen Termin. Die jungen Menschen interessiere das alles angesichts ihrer eigenen umfassenden Zukunftssorgen ohnehin nicht. Mit Konsequenzen: „Es sind vorwiegend die 18- bis 24-jährigen, die AfD gewählt haben.“
Was tun? In Konfrontation gehen? Es bedeute ja auch, angreifbar zu werden, gibt Michael Veldboer zu bedenken und plädiert dennoch für Courage. Weshalb er ökumenische Taten ganz oben auf seiner Wunschliste platziert hat. Davon bräuchte es viel mehr.
„Denn ich komme aus einem Land, wo es so ist, wie es hier mal einst war“
Doch Deutschland habe sich auch schon als zu ängstlich erwiesen, seinen Reichtum in die wirklich zukunftsweisende Dinge zu stecken, wirft Abdollahi ein. Und das auch noch angesichts der Gefahr, dass andere Länder auf die Überholspur gelangen können. „Das wird in den nächsten Jahren auch nicht besser“, prognostiziert er, die gesellschaftlichen Auswirkungen in den Zusammenhang einschließend. Geht es doch um nichts weniger als die Souveränität. Sein Antidotum: Räume der Begegnung, in denen Menschen zusammenkommen. Räume, in denen verschiedene Meinungen zugelassen sind. So wie in Kirchen. „Es ist eine stille Arbeit, die die Kirchen einfach leisten“, hebt Michel Abdollahi hervor, er selbst ist Muslim, „aber man sieht auch, wie sehr diese Arbeit der Kirchen der AfD ein Dorn im Auge ist.“ Würden aber dieser Ort Kirche wie auch Vereine wegfallen, warnt er, „wird vieles auseinanderbrechen.“
Auch der frühere Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Björn Engholm, äußerte sich bei Church goes Pub am 8. Mai 2025 über die gewichtige Rolle der Kirche. Sie könne an fundamentaler Bedeutung gewinnen, je problematischer die Zeiten werden, sagte er damals.
Und bei der Church goes Pub Premiere im Juli 2023 fand Engholms Nachfolger im Amt, Peter Harry Carstensen: „Wir haben nicht nur ein anti-jüdisches Problem, sondern ein Respektsproblem.“ Er verwies auf das Grundgesetz, das als Erstes die Unantastbarkeit der Würde des Menschen formuliert. Jetzt zerren Kräfte daran, die es aushebeln wollen.
Wie definierst du wahre Toleranz, will Michael Veldboer von Michel Abdollahi wissen. „Ich glaube, man kann nicht alle mögen, aber man muss respektieren und wenigstens akzeptieren“, meint sein Gast, ganz im Vertrauen auf den Rechtsstaat. „Wenn der andere nicht mitmachen möchte und mir auf den Kopf haut, kommt ein Richter und er wird verurteilt.“ Allerdings, mit Blick auf Donald Trump, „der Gerichte nach seiner Denke will“, deutet Michel Abdollahi auf das sich abzeichnende eigentliche Bedrohliche in dem Zusammenhang. „Denn ich komme aus einem Land, wo es so ist, wie es hier mal einst war“, warnt er. „Wir müssen eher für unsere freie Gerichtsbarkeit kämpfen.“
Veldboer, an seinen eindringlich warnenden Vater erinnernd, so etwas dürfe sich nie wieder ereignen, greift den Punkt auf: „Die Gefahr der totalen Willkür könnte hier wieder Einzug halten.“ Was auch die Wählerzahlen im Kreis Plön verdeutlichten. Dennoch hat Michel Abdollahi es sich in Anbetracht seiner unfreiwillig erworbenen Rassismusexpertise nicht nehmen lassen, für eine Dokumentation das als „Nazi-Dorf“ bekannt gewordene Jamel zu besuchen. „Ich kannte Neonazis ja“, resümiert er trocken, „deshalb bin ich es sehr früh gewohnt gewesen, mit denen umzugehen – die gab’s ja schon immer hier.“ Beschleunigend wirkte die technische Entwicklung. Und das Instrument des Populismus helfe zudem, „dass wir hier unser System verlieren“, antwortet Abdollahi auf Veldboers Frage. Am Ende bedeute das immer Krieg.
„Einer wie Putin weiß das ganz genau und die Iraner machen das Gleiche, das ist ein gutes Mittel“, unterstreicht Michel Abdollahi, „auch das mit Trump hat denen geholfen.“ Krieg helfe, sich einerseits nicht um die echten Probleme kümmern zu müssen. Und andererseits anderen die Schuld dafür zuschieben zu können.
Finster gehe er dennoch nicht durchs Leben. Die Neugier gebe die Kraft dazu, „ich sehe nur das Gute“, sagt Michel Abdollahi. Es sei eine Einstellungssache.
Unterschwelliger Rassismus schwelt seit dem 8. Mai 1945 weiter durch die Generationen der Biodeutschen. „Wo kommst du her?“, rangiere denn auch unter den gefühlt unerträglichen Fragestellungen weit oben. Gleichzeitig entpuppt sich damit die Mentalität des jeweils Fragenden: „Da möchte jemand sehr schnell seine Schublade voll bekommen, das ist das Eigentliche“, sagt Michel Abdollahi. Es geht um Stereotype.
Wo Deutschland in zehn Jahren angekommen sein werde, falle ihm schwer einzuschätzen. „Wenn wir weitermachen wie bisher“, sagt er nachdenklich, sei eine AfD Regierung 2029 im Bund sehr wahrscheinlich: „Und dann haben wir ein signifikantes Problem.“ Viel hänge davon ab, „wie wir jetzt reagieren“, untermauert er seine Einschätzung. „Aus Deutschland weiß man, dass, wenn die Rechten an die Macht kommen, wirklich roden.“ Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern: „Man weiß, dass hier anders als in Italien, sie das Land mit seinem Grundgesetz wirklich zerstören wollen.“ Möglich sei aber auch, „dass wir überhaupt keine Regierung mehr zusammenbekommen – dann ist wirklich Stillstand.“ Mit den entsprechenden Folgen.
Ein Pfund Zuversicht: Jeder kann was für die Demokratie machen
„Ja, wir sind noch mehr“, nimmt Abdollahi sein Publikum mit in den Dialog und spielt auf die derzeit vielleicht noch gefühlte Mehrheit freiheitlich-demokratisch gesinnter Bürger*innen in der Gesellschaft an. Ist das angesichts des Rassismusproblems in der Bundesrepublik realistisch? „In Sachsen-Anhalt 44 Prozent AfD, fünf Prozent BSW – dort sind wir schon mal nicht mehr mehr“, konstatiert er knapp. Wobei die Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt bizarrerweise hoch war. Aber: „Alle haben rechts gewählt.“ Wohin also driftet die Gesellschaft?
„Kurz vor dem Progrom 1938 haben 400.000 Migranten Deutschland bereits verlassen gehabt – Migranten sind nicht doof“, sagt Michel Abdollahi. „Als Türke, Jugoslawe oder Spanier gehe ich überall durch - Sie nicht!“, bescheinigt er seinem Publikum schlechte Karten, sollte es in spe auf Fluchtgedanken kommen. Nämlich dann, wenn die bundesdeutschen Verhältnisse so radikal umgeformt würden, wie es ein gewisses Parteiprogramm konkret in Aussicht stellt. „Wir sind nicht so weit weg davon.“ Abdollahi preist diese Umformung in die globale Dynamik gleich mit ein. Der US-amerikanische Geheimdienst gehe fest davon aus, dass Wladimir Putin bis 2029 die North Atlantic Treaty Organization, die NATO, angreifen werde.
Michel Abdollahi sieht dennoch eine große Chance, Resilienz zu entfachen: Wut. „Wenn Sie anfangen, was zu machen, kommen andere hinterher“, packt er ein ordentliches Pfund Zuversicht in seine These. Jeder könne sich vornehmen, etwas für die Rettung der Demokratie zu machen. Und sei es auch eine Minute täglich.
Sein prominentes Beispiel: Die Omas gegen Rechts in Ahrensburg. „Die haben es geschafft, dass die AfD da keine Stände mehr gemacht hat“, berichtet er. „Das kriegen wir hin: Wütend hier rausgehen und sagen: ‚Ich möchte nicht, dass das passiert‘!“ Vor dem Hintergrund der rechten Bedrohung der Demokratie durch KI hat er noch einen Extratipp: „Bitten Sie die KI um zehn Vorschläge, wie man sich gegen den Faschismus und für die Demokratie einsetzen kann!“ Prompt zücken einige Besucher ihr Smartphone.