So retten die Ehrenamtler Kulturpflanzensorten

Alt aussäen im Küchengarten Schloss Eutin

29.07.2026, 10:44 Uhr
Von: Lotta Schneider
der reporter Eutin/Malente

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Erntezeit im Küchengarten von Schloss Eutin: Jörg Humke und Sabine Friederichsen freuen sich, am Marktstand Mangold und die Gurkensorte Vorgebirgstrauben gegen Spenden anbieten zu können.

Erntezeit im Küchengarten von Schloss Eutin: Jörg Humke und Sabine Friederichsen freuen sich, am Marktstand Mangold und die Gurkensorte Vorgebirgstrauben gegen Spenden anbieten zu können. © Lotta Schneider

Es ist Freitagnachmittag. Trotzdem geht im Eutiner Küchengarten nochmal die Sonne auf: Jörg Humke kommt mit strahlender Miene um die Ecke zum Marktstand gelaufen. Unter dem linken Arm hält der Ehrenamtler aus dem Team des Küchengartens ein Bündel Mangold, an der rechten Hand einen Eimer Eifeler Vorgebirgstrauben.

Das frische Gemüse liefert den Grund für die gute Laune, hier wird Gemüse und Obst gegen Spende abgegeben, derzeit jeden Freitag ab 15 Uhr. Tatsächlich aber ist es gar nichts Gewöhnliches, was Jörg Humke gerade auf den Tisch packt. Denn was hier liegt, stammt aus der Kultur ausschließlich alter Sorten. Sorten, die vom Aussterben bedroht sind. Sie gilt es zu retten und für die Allgemeinheit zu bewahren.

Das Handwerkszeug umfasst eine Menge Sortenkenntnisse, spezifische Tricks und Knowhow. Daran zeigt sich: Es geht auch um die Bewahrung von Wissen. Kein Wunder also, dass die Vorgebirgstrauben die engagierten Ehrenamtlichen vom Küchengarten so begeistern. Kurzerhand greift Jörg Humke eine der Gurken und schneidet sie zur Verkostung auf.

Es ist Erntezeit – und nicht nur im Gurkenbeet. Und wie schmeckt so eine Vorgebirgstraube überhaupt? Eine Sorte, die um 1900 als Schmor-, Senf- und Einlegegurke gepriesen wurde? Die so ertragreich ist, weil sie aus einer Blattachsel gleich mehrere Früchte ansetzen kann, also „traubig“ wächst und daher den Namen bekommen hat?

Bei der Verkostung sind sich alle einig: Sie ist frisch verspeist so knackig-köstlich und irgendwie auch lieblich-gurkig, dass sie als Snack- und Salatgurke mindestens genauso gut taugt. Einzig der stielnahe Fruchtansatz fliegt auf den Kompost. Er kann manchmal Bitterstoffe enthalten. Die sollte man keinesfalls verzehren. Daher diese Stelle der Früchte immer zuerst testen und gegebenenfalls abschneiden, lautet die Empfehlung Jörg Humkes. Auch für Zucchini und Kürbisse gilt sie.

Bei dem saftigen Gurkenstück als Gaumenfreude zwischendurch wird schnell klar, was der drohende Verlust historischer Sorten eigentlich zu bedeuten hat. Und wie er alle und jeden betrifft: Wäre es nicht wirklich schade, wenn künftig niemand mehr dem Aroma eines Scheibchens der Vorgebirgstrauben in seinem Mund nachspüren könnte?

Historische Nutzpflanzen haben allerdings Feinde, die ihnen massiv an die Wurzel wollen: Wer neues Saatgut kreiert, will das alte vom Markt fegen. Und seine Hybrid-Kreation an der Marktspitze sehen. Wer das schafft, kann den Preis bestimmen. Die Nachzucht: Betriebsgeheimnis. Kein Exemplar aus solchen Kreuzungslinien gliche unter den Nachkommen dem nächsten. Das bedeutet: Niemand anderes kann so eine Sorte sinnvoll zur Vermehrung nutzen. Und soll es auch nicht.

Bei den „samenechten“ historischen Sorten ist das anders: Jahrhundertelang selektierte so ziemlich jeder Mensch auf seiner Parzelle fröhlich vor sich hin. Jeder Haushalt produzierte eigenes Saatgut. Notwendigerweise. Und das mit Augenmerk: Nur was robust, ertragreich und dazu noch schmackhaft war, wurde zur Saatbildung auserkoren. Es entstanden regionale Sorten und sogar Familiensorten. Wie spannend ist es da, im Küchengarten den sehr ursprünglichen Meerkohl zu sehen: Das Küstengemüse ist eine einheimische Art.

Blick über die VEN Beete im Küchengarten: Hinter einer Reihe pinker Vexiernelken „schießt“ der Salat und der würzige Muskatellersalbei dahinter bildet bereits Samen.

Blick über die VEN Beete im Küchengarten: Hinter einer Reihe pinker Vexiernelken „schießt“ der Salat und der würzige Muskatellersalbei dahinter bildet bereits Samen. © Lotta Schneider

Darüber hinaus trieb die Obstbaumkultur mit ihren Binde- und Schnittmethoden über Jahrhunderte vielzählige Blüten. So kann man im Küchengarten nicht nur historische Birnen- und Apfelsorten kennenlernen, sondern auch Einblicke in Kulturtechniken erhalten. Derzeit werden die Sommertriebe entfernt und die als Kesselobst gezogenen Gehölze wieder in Form gebracht. Dann kommt mehr Licht an die Früchte, die so zu besonderer Qualität heranreifen. Zudem ist die Kesselform bequem zu beernten.

Früchte früher Sorten von der Streuobstwiese des Areals gibt es bereits. Auch hier werden die Bäume in Form gehalten, wird gepflückt und gesammelt. Wie wäre es da mit einem würzigen Chutney vom Weißen Klarapfel, einer Sorte, die um 1850 in Riga vertrieben wurde, wahrscheinlich aber älter ist? Oder schwedischer Apfeltarte? Er gilt auch als vorzüglich für Apfelkompott. Da dieser Frühapfel schnell mehlig wird, sollte man ihn zügig verarbeiten. Ein Sommergruß aus Apfelmus schmeckt im Winter umso besser.

Die Ehrenamtler im Küchengarten zählen heute zu jenen bundesweit Engagierten, die vor Jahrhunderten entstandene Sorten zu erhalten versuchen. Ob Gurke oder Salat, Kohl- oder Wurzelgemüse aller Art, Erbsen und Stangenbohnen, Küchen- und Würzkräuter sowie Blumen für die Insekten. Sogar ein Versuchsstück mit Sojabohnen und zart rankenden Beluga-Linsen wird erfolgreich beackert.

Man sät hier buchstäblich alt aus: Linsen wurden schon in der Steinzeit in deutschen Mittelgebirgen angebaut und verspeist, wie die Archäologie nachgewiesen hat. Muskatellersalbei wurde im Mittelalter zur Aromatisierung von Wein genutzt. Mangold war ein verbreitetes Blattgemüse, das schon die Römer schätzten und später die Klöster in ihren Gärten kultivierten.

Das funktioniert allerdings nur, wenn man das Einmaleins der Saatgutgewinnung beherrscht. Da schießt der Salat – und „ja, das soll er auch“, sagt Sabine Friederichsen. Sie ist Teamleiterin der VEN-Flächen mit den historischen Sorten.

Häufig werde sie darauf angesprochen, warum der Salat bei der Pflege nicht herausgerissen wurde. Doch die geschossenen Salate sind wichtig: Nur, wenn er blühen darf, können später reife Samen abgenommen werden, erklärt sie dann. Sortenweise, versteht sich. Gleiches gilt für Petersilienkraut und Pastinakenwurzeln, die in ihrer Reihe überwintert haben und im zweiten Sommer ihres zweijährigen Lebens gerade abblühen und Samenstände ausbilden.

Vor drei Generationen war der Umgang mit solch blühendem Kopfsalat und Co ein noch gängiges Gartenprozedere. Jeder hatte im Kopf, wie es geht. Aber heute ist das nicht mehr so, hat Sabine Friederichsen festgestellt. „Dass man das wieder einsäen kann, ist vielen nicht klar.“

Der Verlust von Wissen, das früher einmal so existenziell war – und das ist es in vielen Teilen der Welt auch noch heute – geht mit dem Verlust der Nutzpflanzenvielfalt einher. Im Supermarkt sind nun einmal gerade und lang gewachsene und stets grüne Gurken zu finden. Keine runden oder ovalen, gelben oder weißen. Zum Beispiel Sorten Zitronengurke, Ei des Drachen  - oder Eifeler Vorgebirgstrauben. Obgleich diese vielleicht besser schmecken und dem Auge schmeicheln. Und schon gar keine Netzgurken, die ihrer netzartigen Schalenstruktur wegen so heißen. Jahrhundertelang war diese Vielfalt normal. Heute wirkt sie exotisch. Fast befremdlich.

Doch ein Blick über den Tellerrand macht offenkundig viel Spaß und motiviert, in das Thema gemeinschaftlich hineinzuwachsen, im Küchengarten Wurzeln zu schlagen, neue Kenntnisse zu vertiefen und mit altem Gemüse neue Rezepte auszuprobieren. „Es interessiert mich halt“, sagt Jörg Humke. „Und ich esse und koche gern“, setzt er zur Erklärung seines bodenständigen Engagements nach. Früher habe er „mit Gärtnerei überhaupt nichts zu tun“ gehabt. Ganz anders heute: „Meine Frau hätte nie gedacht, dass ich mal lateinische Namen lerne.“

Neben den leuchtenden Blüten des Rauen Sonnenhuts ragen die Petersilienblütenstände in die Höhe, dahinter der bläuliche Muskatellersalbei.

Neben den leuchtenden Blüten des Rauen Sonnenhuts ragen die Petersilienblütenstände in die Höhe, dahinter der bläuliche Muskatellersalbei. © Lotta Schneider

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