„Cap Arcona“-Katastrophe ist Thema in der Stadtbücherei

Als das Meer zum Massengrab wurde

11.08.2026, 14:19 Uhr
Heiligenhafener Post

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Mehr als 7000 Menschen starben, als die Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbek“ in Flammen aufgingen oder sanken.

Mehr als 7000 Menschen starben, als die Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbek“ in Flammen aufgingen oder sanken. © Fischer

Mehr als 7000 Menschen starben 1945 nur fünf Tage vor Kriegsende bei der Schiffskatastrophe in der Lübecker Bucht. Ein Bildvortrag in Heiligenhafen erinnert an die Opfer und die Spuren, die bis heute in Ostholstein zu finden sind.

Es ist eine der größten Schiffskatastrophen des 20. Jahrhunderts – und doch kennen sie die wenigsten. Am 3. Mai 1945, nur fünf Tage vor der deutschen Kapitulation, verwandelte sich die Ostsee vor Neustadt in Ostholstein in ein Massengrab. Mehr als 7000 Menschen starben, als die Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbek“ in Flammen aufgingen oder sanken. Es waren KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme – Männer und Frauen, die Todesmärsche, Hunger, Folter und Terror überlebt hatten, um wenige Tage vor der ersehnten Freiheit doch noch zu sterben. Ein Bildvortrag von Prof. Dr. Norbert Fischer am 21. August (Freitag) um 18.30 Uhr in der Heiligenhafener Stadtbücherei holt diese fast vergessene Tragödie anhand der Grabstellen und Gedenkstätten jetzt zurück ins öffentliche Bewusstsein.

Tausende KZ-Häftlinge befanden sich an Bord

Was sich in den letzten Kriegstagen 1945 in der Lübecker Bucht abspielte, gehört zu den dunkelsten und zugleich am wenigsten erzählten Kapiteln der NS-Geschichte. In panischer Angst vor der heranrückenden britischen Armee trieb die SS Tausende geschwächte, ausgemergelte Häftlinge aus dem KZ Neuengamme auf Schiffe, die im Hafen von Lübeck und Neustadt lagen. Menschen, die gerade erst die Hölle der Konzentrationslager hinter sich gebracht hatten, wurden in die engen, überfüllten Laderäume von Frachtern und stillgelegten Passagierschiffen gepfercht – ohne ausreichend Nahrung, ohne medizinische Versorgung, viele bereits todkrank.

Dann, am Nachmittag des 3. Mai 1945, griffen britische Kampfflugzeuge die im Wasser liegenden Schiffe an. Sie wussten nicht, dass sich an Bord keine flüchtenden Soldaten, sondern wehrlose Häftlinge befanden. Innerhalb weniger Stunden brannte die „Cap Arcona“ lichterloh, kenterte, sank. Tausende Menschen sprangen in die Ostsee – Menschen, die oft kaum noch die Kraft zum Stehen hatten, geschweige denn zum Schwimmen. Wer es dennoch an Land oder auf schwimmende Trümmerteile schaffte, wurde vielerorts nicht gerettet, sondern von SS-Wachmannschaften und anderen bewaffneten Einheiten erschossen – Menschen, die den Krieg buchstäblich überlebt hatten, starben in Sichtweite der Freiheit.

Die Wucht dieser Katastrophe liegt nicht allein in der schieren Zahl der Toten. Sie liegt in der unfassbaren Tragik ihres Zeitpunkts: Diese Menschen hatten das Grauen der Konzentrationslager und die tödlichen Todesmärsche der letzten Kriegswochen überstanden. Sie waren dem Ende so nah – und wurden doch noch, in den aller letzten Tagen des Krieges, ausgelöscht. Viele der Toten wurden nie identifiziert. Ihre Leichen trieben tagelang an die Strände Ostholsteins, wurden von Anwohnern, von Fischern, von Zwangsarbeitern geborgen und in eiligen, oft namenlosen Gräbern bestattet – ein letzter, stiller Akt der Menschlichkeit.

Prof. Dr. Norbert Fischer führt seine Publikum eindringlich durch die Ereignisse jener Maitage 1945 und macht zugleich sichtbar, wie die Erinnerung an die Katastrophe bis heute in der Landschaft Ostholsteins weiterlebt.

Prof. Dr. Norbert Fischer führt seine Publikum eindringlich durch die Ereignisse jener Maitage 1945 und macht zugleich sichtbar, wie die Erinnerung an die Katastrophe bis heute in der Landschaft Ostholsteins weiterlebt. © Ohligschläger

Stille Zeugen einer Tragödie

Bis heute säumen Gedenkstätten und Friedhöfe die Küste der Lübecker Bucht – stille Zeugen einer Tragödie, die im kollektiven Gedächtnis kaum verankert ist. In Neustadt, Grube, Grömitz, Haffkrug und Timmendorfer Strand erinnern Gräber, Mahnmale und Gedenksteine an die Opfer. Es sind Orte, an denen man heute unbeschwert Urlaub macht, am Strand spazieren geht, das Meer genießt – ohne zu wissen, dass genau dort, unter demselben Himmel, eine der größten Tragödien der jüngeren deutschen Geschichte ihren Lauf nahm.

Genau hier setzt der Bildvortrag von Prof. Dr. Norbert Fischer an. Er führt sein Publikum durch die Ereignisse jener Maitage 1945 und macht zugleich sichtbar, wie die Erinnerung an die Katastrophe bis heute in der Landschaft Ostholsteins weiterlebt – in Gedenksteinen, in Namen auf Grabtafeln, in Orten, die man kennen muss, um sie überhaupt zu sehen. Der Vortrag verbindet historische Aufarbeitung mit einer Frage, die weit über 1945 hinausreicht: Wie erinnern wir an Opfer, die oft namenlos blieben? Und was bedeutet es, an Orten des Gedenkens zu leben, ohne ihre Geschichte zu kennen?

Der kostenlose Bildvortrag im Rahmen der Literatur- und Geschichtswerkstatt „Das BullAuge“ der Stadtbücherei lädt dazu ein, innezuhalten, hinzusehen und den Opfern jenen Raum in der Erinnerung zu geben, der ihnen so lange gefehlt hat. Hierzu wird unter anderem Detlev Uhle den musikalischen Rahmen gestalten.

Andrikos Segkis

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