Ahnenforscherin verbindet Familien über Kontinente hinweg
01.06.2026, 21:24 Uhr
Von:
Annalena Kristof
Heiligenhafener Post
Die 79-jährige Ingrid Mayer aus Heiligenhafen widmet sich der Ahnenforschung und vereint durch ihre Recherchen in historischen Kirchenbüchern Familien über Kontinente hinweg. Ihre Studien brachten bereits Nachfahren in Deutschland, Australien und den USA zusammen.
Ein Name in einem Kirchenbuch. Eine schwer lesbare Handschrift aus vergangenen Jahrhunderten. Eine E-Mail aus einem fernen Land. Für Ingrid Mayer beginnt genau so oft eine Reise in die Vergangenheit.
Die 79-Jährige lebt heute in Heiligenhafen, geboren wurde sie in Hamburg. Ihre Familie stammt aus dem Gastgewerbe, sie selbst schlug zunächst einen anderen Weg ein: Sie studierte Volkswirtschaft, arbeitete später im Marketing in München und lernte dort ihren zweiten Mann kennen. Als die Eltern pflegebedürftig wurden, zog das Paar zurück in den Norden. Doch ihre eigentliche Leidenschaft fand Ingrid Mayer in der Ahnenforschung.
Angefangen hatte ihr Interesse daran vor rund zwei Jahrzehnten, als ihre Tochter 2007 nach Australien auswanderte. Mayer begann, sich stärker für Auswanderungsgeschichten zu interessieren: Wer verließ einst Deutschland? Wohin gingen die Menschen? Welche Spuren hinterließen sie?
Heute verbringt sie unzählige Stunden mit alten Kirchenbüchern, Bürgerverzeichnissen, Heimatjahrbüchern und in Archiven. Einmal pro Woche arbeitet sie in Lübeck. Dort beschäftigte sich Mayer auch mit der Software „Transkribus“ und half dabei, historische Dokumente zu entziffern und digital nutzbar zu machen.
Anfangs musste vieles noch mühsam von Hand übertragen werden. Inzwischen hat die Software daraus gelernt – doch die größte Herausforderung bleibt oft der Mensch, der vor Jahrhunderten mit schwer lesbarer Schrift seine Einträge hinterließ. Manche Dokumente seien so schwer zu entziffern, dass nur gemeinsames Knobeln helfe, so Mayer.
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich irgendwann auch auf Heiligenhafen selbst. Was erzählen die alten Kirchenbücher über die Menschen der Stadt? Mit viel Geduld schreibt Mayer die Hochzeiten aus den Kirchenbüchern ab – von 1670 bis 1939. Ihr Ziel: historische Daten dauerhaft zu sichern und online jedem öffentlich zugänglich zu machen. „Ich möchte, dass dieses Wissen nicht verloren geht“, so Mayer. „Auch wenn ich irgendwann nicht mehr da bin, sollen Menschen noch Zugang zu ihrer Familiengeschichte haben.“
Eine E-Mail aus Australien
Eine ihrer spannendsten Entdeckungen begann mit einer Nachricht aus Australien: Anfang 2024 meldet sich Michelle Witheyman-Crump bei ihr. Ihre Vorfahren, so vermutete die Australierin, stammten aus Heiligenhafen. Ein Name taucht auf: Haye – beziehungsweise Hay. Gemeinsam begannen die beiden Frauen zu recherchieren: Michelle auf australischer Seite, Ingrid Mayer in deutschen Archiven.
Die Spur führte zu Carl August Wilhelm Hay, geboren 1847 in Heiligenhafen. Am 12. April 1872 wanderte er nach Brisbane aus. Erst kürzlich gelang Mayer ein neuer Nachweis: Der junge Mann hatte offenbar als Crewmitglied auf einem Schiff angeheuert – vermutlich die einzige Möglichkeit, sich überhaupt auf die lange Reise machen zu können.
Von dort verzweigt sich die Familiengeschichte über Generationen und Kontinente hinweg. In Heiligenhafen gehören Margret Haskamp und Karin Gawehns, geborene Schümann, zu den Nachfahren der Familie. Im Sommer 2025 reisten Michelle und ihr Mann Desmond dabei sogar nach Heiligenhafen, um Verwandte und Familienorte kennenzulernen.
Und die Familie Haye ist längst nicht Mayers einziges Projekt. Sie verfolgt auch die Geschichte der Familie Bichel aus Altenkrempe, deren Nachfahren heute in den USA leben – mehr als 2642 sollen es inzwischen sein. Ebenso beschäftigt sie sich mit dem Auswanderer Georg Christian Müller, der an der Revolution 1848 und der Schlacht bei Idstedt 1950 beteiligt war, später im Gefängnis saß und schließlich 1852 Deutschland für die USA verließ.
Immer wieder entstehen dabei neue Kontakte über Grenzen und Ozeane hinweg. Noch arbeitet Ingrid Mayer allein. Aber die Ideen gehen ihr nicht aus. Vielleicht, sagt sie, könnte aus all den Geschichten irgendwann ein Buch werden.
In der Zwischenzeit sucht Ingrid Mayer weiter nach Geschichten von Menschen, die Heiligenhafen einst verließen – und nach Familien, die mehr über ihre eigenen Wurzeln erfahren möchten. Interessierte können über ingrid.mayer@t-online.de Kontakt aufnehmen.